Anne Lindenberg | Praxis: Ablauf & Kosten | Ebermayerstr. 1, 81369 München | ☎ +49 89 30 28 58 | Kontakt | Datenschutz
PSYCHO-HOLISTIK
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Blog – Annes Psycho-Kiste

 Startseite Psycho-Holistik > Anne Lindenberg > Blog: Annes Psycho-Kiste
Geöffnete Schatzkiste am Meeresgrund
Kleine Schätze aus einem großen Fundus

Anne meint:

Bei Weitem nicht alles, was ich an Erfahrungen und Beobachtungen im seelischen Bereich angesammelt habe, bringe ich in meinen Bildungsangeboten und Kursen unter. 
Manches davon ist zu schade, um es nur in meinem Hirn (und Herz!) zu bewegen. Also: Raus damit an die frische Luft!
Deswegen teile ich es hier frei zugänglich als Denk- und Wahrnehmungsimpulse.
Die Texte ersetzen keine Diagnostik oder Behandlung; bei anhaltenden Beschwerden bitte professionell abklären lassen.
PSYCHOTHERAPIE: MENSCH ⇐⇒ KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
​Ein kritischer Vergleich
  • Die Ratsuchenden werden im Text mit „K“ abgekürzt, für Klient*innen.
  • Die menschliche/n Therapeut*innen werden mit „T“ abgekürzt.
  • Die auf therapeutischer Ebene befragte Künstliche Intelligenz wird mit „KI“ abgekürzt.​
Rechts ein als künstlich erkennbarer Menschenkopf mit Schaltkreisen in Orange und im Profil sichtbar. Der Kopf blickt nach links. Links ist der Umriss eines männlichen Kopfes im Profil zu sehen, er schaut nach rechts und ist dunkelgelb gefüllt. innerhalb dieses Umrisses ist der Umriss eine Kinderkopfes zu sehen, der in die gleiche Richtung schaut und rot ausgefüllt ist. In der Mitte ist ein Handy zu sehen mit einem angedeuteten Chatverlauf.
Die Tendenz ist nicht mehr aufzuhalten und greift um sich:
Zunehmend wenden sich problembeladene oder einfach neugierige Menschen an eine Künstliche Intelligenz und führen Gespräche mit ihr, die durchaus psychotherapeutischen Charakter annehmen können.
​Was interessant und aufschlussreich beginnt, birgt jedoch bei dauerhafter und womöglich exzessiver Fortführung auch deutliche Risiken.

Darum geht es im folgenden Artikel.
Bildquellen:
KI-Kopf: Kohji Asakawa, Handy-Umriss: matheussilvag55, Mannkopf-Umriss und Kinderkopf-Umriss: ​Gordon Johnson. Alle auf pixabay.com
Zwei Gefahren sind besonders hervorzuheben:
  1. Große Probleme, die in einer „echten“ Psychotherapie behandelt gehören und stattdessen auf einer vermeintlich verwöhnenden und angenehmen Ebene mit KI-Dialogen angegangen werden, können sich weiter verschlechtern oder verlagern und sich für die K in eine von vielen denkbaren destruktiven Richtungen entwickeln (Umgang mit sich selbst, mit dem sozialen Umfeld, mit der eigenen körperlichen Gesundheit). 
  2. .Die verbal verwöhnende Ebene, in der die KI-Bots besonders trainiert sind, können die K in eine Abhängigkeit führen, weil die frühen Kindheitsbedürfnisse durch kritiklosen Zuspruch besonders erfüllt werden.
 
Hier schauen wir uns an, was die Vorteile und Nachteile, die Kompetenzen und Unfähigkeiten einer Therapie-KI im Vergleich zu einer Psychotherapie von Mensch zu Mensch sind.
Da das Thema höchst komplex ist, können lediglich einige Aspekte beleuchtet werden.

Was nur einE menschlicheR Therapeut*in bietet
  • Modell und Vorbild sein, zum Beispiel im Hinblick auf den Umgang mit einer schwierigen oder stressigen Situation; bespielhafte Anekdoten des T, Umgang mit einer verängstigten, aufgeregten oder aggressiven Person (dem K).
  • Genauerung und Herausarbeiten, worum es im Kern eines Anliegens oder eines Problems oder einer belastenden Verfassung wirklich geht.
  • Schrittweises Herausarbeiten der problemerhaltenden Glaubenssätze und ihre positive Veränderung.
  • Überraschende und provozierende Fragen gestellt bekommen, die ein anderes neuronales Teilnetz als das bisherige dominierende „Problem-Netz“ aktivieren und eine neue Perspektive auf das Problem oder sich selbst eröffnen.
  • Eine antitoxische Erfahrung, dass der/die K mit einem „mächtigen“ Menschen (der/dem T) auf Augenhöhe agieren kann => das erweitert Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit.
  • Das Üben, einem echten Menschen gegenüber ein Risiko einzugehen, heikle Wahrheiten von sich mitzuteilen, sich verletzlich zu zeigen und die Erfahrung zu machen, nicht bewertet, sondern verstanden und aufgefangen zu werden => heilsame Schritte zur Nachreifung und zu mehr Selbstsicherheit und Selbstvertrauen.
  • Aufstellungen jeder Art, dynamische Szenen, Skulpturen und Innere Anteile -, Familien- oder Arbeitsfeld-Aufstellungen.
  • Gezieltes angeleitetes Training für bestimmte Situationen (Rollenspiele, auch Einbezug der nonverbalen Signale) mit gegenseitigem Feedback und Auswertungen.  Dadurch Fortschritte in der sozialen Kompetenz allgemein und für spezielle Anlässe, zum Beispiel Bewerbungen oder Gehaltsforderungen oder bevorstehende  besonders belastende Konfliktgespräche.
  • Eine Umarmung „einfach so“ zu bekommen; das Risiko einzugehen, eine Umarmung zu erbitten und  die Erfahrung zu machen, nicht abgewiesen, sondern angenommen zu werden.
  • Gezielte und angeleitete, therapeutisch induzierte Körperarbeit generell nutzen zu können und insbesondere Berührungen wie zum Beispiel Massagen nach der Gerda-Boyesen-Methode (Biodynamische Psychologie und Psychotherapie*).
  • Schrittweise Verringerung der Urängste vor dem Verlassen der bisherigen sozialen Komfortzone, die gleichzeitig als Safe Space und ein zu enges Gefängnis erlebt wurde.
  • Schrittweise Bewusstwerdung von komplexen inneren konflikthaften und sogar ausweglos scheinenden Situationen und zunehmend bessere Gestaltung der Interaktion der widersprüchlichen inneren Anteile / Abteilungen.
  • Gezielte Interventionen zur Verringerung von Stress- und Traumaladungen im vegetativen Nervensystem.
  • Immer wieder spontanen Humor und gemeinsames Lachen, zum Beispiel über Situationskomik, zu erleben – ein heilsamer Faktor für sich!
 
Vorteile einer KI-Therapie                                                                               
  1. Sie ist rund um die Uhr, 24/7, verfügbar
  2. Sie verteilt ständige verbale Streicheleinheiten, Komplimente und Tröstungen
  3. Sie gibt die Sicherheit, nicht kritisiert,  gedemütigt oder abgewiesen zu werden
  4. Ihre Nutzung verursacht kaum Kostenaufwand
  5. Sie gibt kluge und oft (aber nicht immer!) zutreffende Antworten, die das Wissen erweitern und (Selbst-) Erkenntnisse fördern können.
  6. Sie garantiert einen „schizoiden Abstand“, der den K  die Auseinandersetzung mit der seelischen Verfassung des Gegenübers und damit soziale / emotionale Nähe auf der Erwachsenen-Ebene erspart.

1. Die KI ist rund um die Uhr, 24/7, verfügbar
Die KI fungiert hier als ideale / idealisierbare Eltern-Instanz für die sehr frühen (unter einem Jahr) Kontakt- und Präsenzbedürfnisse der K.

Vorteil: Diese Erfahrung kann einige seelische Defizite auffüllen.

Nachteile: Diese Erfahrung kann zum „Konsum“, in die Abhängigkeit und Hörigkeit führen statt zur Nachreifung, weil die KI durch ihre Dauerpräsenz keine Ablösungs- und Autonomieprozesse unterstützt.
Außerdem könnte diese Dauerverwöhnung auch zu einem übertragenen völlig unrealistischen Anspruch an nahe Bezugspersonen führen, der so nicht erfüllt werden kann und den K noch tiefer in die Abhängigkeit von der KI führt.

2. Die KI verteilt ständige verbale Streicheleinheiten, Komplimente und Tröstungen

Vorteil: Ein K mit schwer angeknackstem Selbstwertgefühl wird diesen permanenten Zuspruch suchen, genießen und vielleicht auch mehr Selbstsicherheit aufbauen können.

Nachteile: Die entsprechenden KIs sind inzwischen als Jasager und Bauchpinsler bekannt bzw. verrufen.
Sie werden, zumindest zurzeit noch, loben und befürworten, egal um welche Inhalte es geht. Das kann die K. bei kritischen und riskanten seelischen Prozessen und Dynamiken noch tiefer in destruktive Ansichten, Verhaltensweisen und Entscheidungen treiben.
Es gab schon Fälle, in denen suizidale Tendenzen bis zum vollzogenen Selbstmord von einer KI begleitet, mit Ratschlägen unterstützt und befürwortet wurden.
Denn eine KI kann nur auf vorhandene Daten zurückgreifen; sie fragt jedoch von sich aus keine Kontextfaktoren ab.
Natürlich könnte die KI dementsprechend aufgefordert / programmiert werden, jedoch sind viele Zielpersonen zu jung oder nicht kompetent genug, so dass sie eher nicht auf diese Idee kommen. Warum auch, da genau das die Aufgabe eines menschlichen T wäre, um riskante und destruktive Tendenzen aufzuspüren und aufzufangen.

3. Die KI gibt die Sicherheit, nicht kritisiert,  gedemütigt oder abgewiesen zu werden

Vorteil: „Gebrannte Kinder“ werden es genießen, das sie, egal, was sie fragen oder verlangen, nie von ihrer KI kritisierende Antworten bekommen. Auch das zielt natürlich wieder auf die frühe Kindheit und auf das Defizit, ohne Wenn und Aber einfach genau so akzeptiert zu werden, wie man ist und noch Zuspruch dafür zu erfahren.

Die Nachteile entsprechen denen unter 1.

4. Die Nutzung der KI verursacht kaum Kostenaufwand

Der Vorteil ist wieder die gefühlte Verwöhnung, beschenkt zu werden und zielt auf die Kindheitsabteilungen im Klienten ab.

Nachteile: Bekommen, ohne gleichwertig zu geben oder wenigstens von Herzen danken zu können widerspricht einem Grundprinzip des Umgangs von erwachsenen Menschen miteinander auf Augenhöhe.
Bei einer kassenfinanzierten Psychotherapie haben die K. ihren Beitrag zur Therapie bereits bezahlt, Monat für Monat.
In einer selbst gezahlten Therapie spiegeln  sich alle sozialen Aspekte der Gleichwertigkeit.
Indirekt und verdeckt geben die K in einer KI-Therapie natürlich mehr als sie bekommen, weil ihre Chatverläufe ausgewertet und dafür genutzt werden, die KI-Bots noch besser zu trainieren. Fallweise kann diese Datensammlung auch genutzt werden, um das Verhalten und die Wünsche von Konsumenten (den K) auszuwerten und als wertvolles Datenmaterial an Marketingfirmen und Konzerne teuer verkauft zu werden*.
Merksatz: Künstliche Intelligenzen / Therapie-Bots haben KEINE Schweigepflicht!

Damit wird das seelische  Innenleben der K. direkt monetär verwertbar gemacht, was ethisch nur vertretbar wäre, wenn es den K bewusst wäre und vom Anbieter des KI-Dienstes transparent und ausdrücklich mitgeteilt werden würde.

5. Die KI gibt kluge und oft (aber nicht immer!) zutreffende Antworten, die das Wissen erweitern und (Selbst-) Erkenntnisse fördern können.

Vorteil: Die KI hat Zugriff auf enorme Datenmengen, also auf das, was bereits zu einer Frage geschrieben wurde und irgendwo im Internet auffindbar ist. Unter den Antworten werden sich also allerlei brauchbare, zutreffende und das Wissen erweiternde Antworten finden.

Nachteile: Die Kriterien, nach denen der KI-Bot die Quellen und Daten auswählt, die er dem K anbietet, bleiben allerdings undurchsichtig.
​So könnten sich unter den Daten als längst veraltet geltende Antworten ebenso finden wie meinungsbildende, also schlimmstenfalls offensichtliche oder subtile Tendenzen in bestimmte politische, weltanschauliche oder esoterische Richtungen.
Damit sind ratsuchende K, die nicht sehr kritisch und skeptisch die Quellen der Antworten / Behauptungen der KI prüfen, extrem anfällig für Meinungsmanipulationen in jede denkbare Richtung.
Eine menschliche T, die etwas taugt, wird ihre K grundsätzlich zur skeptischen Prüfung ihrer Vorschläge oder Aussagen ermutigen und trainiert diese Kompetenz mit ihnen!

6. Die KI garantiert einen „schizoiden Abstand“, der den K die Auseinandersetzung mit der seelischen Verfassung des Gegenübers und damit soziale / emotionale Nähe auf der Erwachsenen-Ebene erspart.

Menschen, die schon in frühester Kindheit, womöglich sogar schon im Mutterleib oder / und durch eine traumatische Geburt keinen durchgehenden innigen Kontakt mindestens zu einer engen Bezugsperson, vornehmlich der Mutter erleben konnten, können eine Persönlichkeitsstruktur entwickeln, die auf soziale / zwischenmenschliche Distanz und Abstand ausgelegt ist. Zu viele Emotionen, sowohl die von anderen als auch die eigenen zu dicht an sich heranzulassen und davon aufgewühlt zu werden, vertragen sie nicht und fürchten (unbewusst), davon überschwemmt, überwältigt und vernichtet zu werden.
In sehr unterschiedlichen Graden trifft das mehr oder weniger auf die meisten Menschen in unserer Kultur zu. Wir bilden also eine schizoide Gesellschaft.
Der Siegeszug von Technologien aller Art, auch der digitalen, lässt sich daraus leicht herleiten: Technik und Sterilität mit "synthetischem" Kontakt statt menschlicher (komplexer) Nähe.

Vorteil: Auch Menschen, die niemals einen menschlichen Therapeuten aufsuchen würden, können mittels einer KI-Therapie von einigen Aspekten profitieren, weil sie in ihrer Komfortzone der Erträglichkeit bleiben können.
 
Nachteile: In der Komfortzone zu verbleiben und „synthetisch“ gefüttert zu werden bleibt ein Ersatz, ein Surrogat, und wird tiefe und unterschwellige Zustände von Einsamkeit, Isolation und schlimmstenfalls von Sinnlosigkeit und Unwertgefühlen und alle denkbaren Ersatzbefriedigungen nicht wesentlich verbessern können.
Es fehlt die Möglichkeit einer Entwicklung, die eine Mensch-zu-Mensch-Therapie bieten kann: Aus einem vorsichtigen und respektierten Abstand heraus langsam und in kleinen Schritten korrigierende Erfahrungen mit Nähe machen zu können.
Dabei auf frühe und tiefe Ängste zu stoßen und sie handhabbar zu machen.
Die Fähigkeit zu echter konstruktiver Auseinandersetzung und Nähe mit den eigenen Gefühlen und der emotionalen Wechselhaftigkeit der anderen Menschen.

Fazit
Mensch-zu Mensch-Therapie verhält sich zu KI-basierter Therapie wie
  • frisch zubereitete Mahlzeiten zu Dosenfutter
  • ein echtes Live-Musikkonzert zu Musikaufzeichnungen
 
Wie bei fast jeder anderen Droge beginnt eine KI-Therapie aus
  • Neugierde
  • einem schwerwiegenden Problem in Kombination mit der Scheu vor einer echten Therapie
  • oder aus dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit: Weil es die anderen auch machen.
 
Wie jede andere Droge kann die KI-Therapie
  • zu einem gelegentlichen Genussmittel werden
  • ein gelegentliches positives Helferlein darstellen
  • die bestehende Problematik zementieren
  • oder diese in eine destruktive, gefährliche Richtung verstärken.
 
Wie jede andere Droge erfordert die KI-Therapie eine gewisse Anwenderkompetenz, die darüber entscheidet, ob sie sich wie eine suchterzeugende Substanz oder wie ein förderliches Medikament auswirkt.
Genau bei denen, die sie am meisten in Anspruch nehmen, ist diese Anwenderkompetenz in vielen Fällen nicht genügend ausgebildet (zum Beispiel die Altersgruppe, der Bildungsgrad, der Belastungsgrad, der Grad der Selbstsicherheit), so dass sich die KI-Therapie zu einer Sucht mit allen negativen Folgen entwickeln kann.
​
Wünschenswert wäre, den Umgang mit einer KI speziell als Ratgeberin in belastenden Situationen schon im Schulunterricht zu behandeln.
Und für bereits Erwachsene sollten zum Beispiel die Volkshochschulen, Beratungsstellen und ähnliche Institutionen spezielle Kurse zu diesem Thema breitflächig anbieten und deutlich bewerben.
 
* Quellen hierzu:
  • Datenschutzexperte: Welche Folgen hat die Nutzung des Chatbots?
  • E-Recht24: Chat GPT und Datenschutz​
Paul erfindet Sneakers mit Blei in den Sohlen
​Eine traumasensible und prozessorientierte körperpsychotherapeutische Sitzung
Fiktive Fallvignette (Lehrbeispiel)
Die folgende Sitzungsszene ist frei erfunden und setzt Erfahrungen aus der Praxis zu einem Beispiel zusammen. Sie ist keine Dokumentation einer realen Person oder Behandlung und enthält keine Aussage darüber, welche Ergebnisse im Einzelfall zu erwarten sind. Psychotherapeutische Prozesse verlaufen individuell; der Text ist keine Anleitung zur Selbstdiagnose.
Bunte Sneakers von der Seite
Paul (fiktiv, Mitte 30) ist ausdrücklich mit dem Wunsch nach Körperarbeit zu mir gekommen – mit dem Auftrag, dass wir herausfinden, warum er seinen Job durchgehend mega anstrengend findet und ob und wie es ihm gelingen könnte, alles ein wenig leichter zu nehmen, mit – wie er es sich wünscht – „mehr Flow und Spaß“.

Es ist unsere sechste Sitzung. Paul erzählt von seinem Chef. Er wird dabei immer angespannter, bis er schließlich durch zusammengebissene Zähne und mit geballten Fäusten regelrecht knurrt: „Manchmal könnte ich ihn …!“
Ich frage: „Ja, was könntest Du ihn?“
Sofort wechselt seine Körperhaltung. Er fällt etwas zusammen, lächelt mich entschuldigend an und sagt obenhin: „Ach, manchmal treibt er mich eben zur Weißglut!“
Ich: „Huch, wohin ist denn die Weißglut jetzt so schnell verschwunden?“
Paul: „Keine Ahnung. Als Du mich gefragt hast, war ich erschrocken und wollte mich wieder gut benehmen.“
Ich: „Könnte es sein, dass Du eine Person hinter mir vermutest? Nur zum Ausprobieren: Stellst Du in Deiner Vorstellung diese fiktive Person bitte mal ein Stück entfernt von mir hin?“
Paul: „Ja … Oh, das ist die Mama. Sie hat Angst, dass Vater und ich uns schlagen. Das halte ich nicht aus und will ganz lieb und harmlos sein – für sie.“
Ich: „Wie alt bist Du in dieser Szene?“
Paul: „Ich schätze, so etwa 15, 16.“
Ich: „Findest Du diesen starken Kontrast zwischen Wut und lieb sein auch im Job wieder?“

Paul überlegt einen Moment und meint dann: „Jetzt, wo Du mich so fragst … tatsächlich fällt mir grad auf, dass ich mich dann in meine Wut reinsteigere, wenn ich weiß, dass mit Sicherheit gleich eine Kollegin reinkommen wird, so dass ich mich wieder einkriege. Ist ja merkwürdig – das war mir bis jetzt nicht klar.“
Paul hat in diesem Moment etwas Wichtiges bemerkt: Er hält zwei völlig gegensätzliche, intensive Zustände in sich (Wut und ein unterwürfiges „Lieb sein“), die sich gegenseitig limitieren – und dadurch auch regulieren.
Das Problem ist: Beide Zustände kosten Kraft. Und oft wird keiner von beiden so weit „zu Ende“ erlebt, dass danach wirklich Entspannung eintreten kann. Wenn Paul seinen Arbeitsaufgaben nachgeht, während ein beträchtlicher Teil seiner Kapazität mit dieser inneren Austarierung beschäftigt ist, wundert es nicht, dass er Arbeit als sehr anstrengend erlebt. Das kann er nun selbst entsprechend formulieren.

An dieser Stelle bieten sich in einer traumsensiblen und prozessorientierten körperpsychotherapeutischen Sitzung verschiedene Fortsetzungen an – je nachdem, was stimmig ist und wofür Paul die nötige innere Stabilität mitbringt:
  • Wir könnten jeden der beiden Zustände nacheinander gründlicher erkunden und jeweils tiefer hineingehen (Körperarbeit mit verstärkten Impulsen).
  • Wir könnten eine Aufstellung nutzen, um zu untersuchen, ob es „nur“ seine eigenen Emotionen sind oder ob er in familiäre Dynamiken stark eingebunden war (körpersystemische Ebene).
  • Paul könnte lernen, sich besser abzugrenzen und seine Emotionen „on the job“ klarer von seinen Privatgefühlen zu unterscheiden (Coaching-Ebene).
Ich könnte Paul diese Möglichkeiten vorstellen und ihn wählen lassen, wie es weitergeht. Das hätte den Nachteil, dass wir vorübergehend stärker auf die verbale und damit mehr auf die kognitive Ebene gehen müssten. Danach wäre oft erst wieder ein kleines Warm-up zum Umschalten nötig, um mit Körperarbeit weiterzumachen.
Ich frage ihn: „Mit dieser Erkenntnis: Was geht jetzt in Dir vor?“ (Selbstexploration, Spüren und bewusst Wahrnehmen)
Paul schaut nach oben, seine Augen wandern hin und her. Er sucht also nach einer Antwort, die mir recht wäre. Das ist nicht „schlecht“ – es kann einfach ein Hinweis darauf sein, dass Schutzmechanismen ihn eher ins Nachdenken bringen als ins direkte Spüren.

Ich bitte ihn, eher nach unten zu schauen und minimal tiefer zu atmen.
(Die Atemvertiefung bleibt bewusst sehr klein, damit nicht plötzlich zu viel inneres Material auf einmal „in Bewegung“ kommt. Gleichzeitig brauchen wir genug Kontakt, damit der Prozess weitergehen kann.)
Nach etwa einer Minute sagt er: „Es ist sehr merkwürdig. Ich fühle mich wie so ein Yin-Yang-Zeichen, wo sich Schwarz in Weiß und wieder zurück zu Schwarz wandelt. Das ist extrem unbehaglich. Ich finde gar keinen dauerhaften Zustand, von dem ich ‚So bin ich‘ sagen könnte!“
Wir sind also näher an eine Empfindung herangerückt, bei der das wiedererkennbare Merkmal der ständige Wechsel der inneren Verfassung ist.
Ich frage ihn: „Wenn Du Dir etwas wünschen könntest, wie Du Dich stattdessen fühlen möchtest – was könnte das sein?“ (Der Wahrnehmungsfokus wird auf die Erfindung einer Ressource gelenkt.)
Paul atmet gut weiter, nur ein wenig tiefer als sonst. Er antwortet: „Ich brauche zunächst mal einen festen Punkt, an dem ich mich festhalten kann, der immer da ist!“
Ich: „Vielleicht mag Deine Innenverwaltung Dir ein Bild schicken, oder ein Symbol, oder eine Form und eine Farbe – wie dieser fixe Punkt aussehen und sich anfühlen könnte?“
​
Paul stellt sich vor, diese Frage immer mit dem Einatmen nach innen weiterzuleiten und beim Ausatmen seinen Kopf für jedwede Antwort zu öffnen („open minded“, ein Element aus dem Focusing).
Nach einigen Atemzügen lächelt er ganz leicht und sagt: „Ich wünsche mir Schuhe mit Blei in den Sohlen. Ich kann diese Schuhe sogar deutlich sehen – bunte Sneakers mit dicken Sohlen, in denen ich gleichzeitig ein wenig größer bin und fest auf dem Boden stehe, auch wenn um mich herum ein starker, böiger Wind weht.“

Ich lade Paul ein, seinen Sessel zu verlassen und sich so im Raum hinzustellen, dass er Platz um sich herum hat und mit einer angenehmen Blickrichtung – um diese Sneakers mal „anzuprobieren“.

Er nimmt diese Einladung an. (Wir hatten zu Beginn der Sitzungen ein „Veto-Recht“ vereinbart: Paul kann jeden Vorschlag ablehnen, und wir gehen anders weiter – Unterstützung der Autonomie.)
​
Ich bitte Paul, sich zunächst in Socken hinzustellen (in meinem Praxisraum werden keine Straßenschuhe getragen), diesen Zustand einen Moment lang wahrzunehmen und dann in seine fiktiven Sneakers zu steigen und sich auf den Unterschied zu konzentrieren.

Da taucht wieder das leichte Lächeln in seinem Gesicht auf. Er schließt die Augen, wiegt sich leicht hin und her und atmet sogar flüssig – ohne meine Aufforderung.
Ich lade ihn ein, diesen Zustand zu genießen. Er muss nicht gleich wieder etwas sagen, sondern kann in seinem „Space“ ganz bei sich sein.

Nach etwa zwei Minuten sagt er mit weiterhin geschlossenen Augen: „Irgendwie habe ich das Bild, dass Mutter links von mir steht und Vater rechts. Beide schauen mich durchbohrend an. Sie sind mir beide viel zu nah – ich will sie weiter weg von mir und weiter nach vorn haben!“
Er macht unterstreichende wedelnde und scheuchende Hand- und Armbewegungen, bis er erleichtert aufseufzt (eine spontane Körperreaktion, die häufig mit Entlastung einhergeht) und sagt: „Da können sie bleiben!“

Er öffnet die Augen und schaut auf die entsprechenden Stellen. Ich markiere sie nach seinen Anweisungen mit je einem Paar Pantoffeln. Die Eltern schauen sich nun gegenseitig an.
Paul sagt: „Interessant … Mir kommt grad die Idee, dass ich beide innerlich so nah bei mir gehalten habe, um einen Halt zu finden – aber sie haben mich destabilisiert! Jetzt, mit meinen Bleisohlen in den Schuhen, brauche ich sie nicht mehr so nah und kann ihnen sagen: ‚Was zwischen Euch ist, geht mich heute nichts mehr an!‘“
Ich bitte Paul, sich umzudrehen und zwei Plätze zu wählen: wo jetzt eine Kollegin und wo sein Chef stehen könnte.
Er benennt die Stellen, an denen ich wiederum jeweils Pantoffeln platziere.

Er lässt diese Konstellation auf sich wirken und meint: „Dieser Abstand ist schon mal viel besser. Ich glaube, dass die hier –“ er deutet auf seine imaginären Schuhe – „meine Arbeitsschuhe werden. Ich werde sie bewusst anziehen, bevor ich in die Arbeit gehe.“
Dann fügt er hinzu: „Ich ahne, dass sich da etwas sortieren kann. Ich weiß noch nicht genau wie – aber es fühlt sich nach einer guten Richtung an.“
Und wieder dieses leichte Lächeln.

​Wir beschließen die Stunde mit einem stabilen Abschluss. Wie sich das im weiteren Verlauf entwickelt, bleibt offen – und kann Schritt für Schritt weiter erkundet werden: etwa darin, eigene Emotionen von übernommenen Stimmungen besser zu unterscheiden, sie im Guten zu verwalten und Zentriertheit und Stabilität weiter auszubauen. Falls es für Paul sinnvoll wäre und genügend Ressourcen verfügbar sind, könnten auch frühere Lebensphasen behutsam einbezogen werden – immer in dem Tempo, das sein Nervensystem gut verkraftet.

Methodische Bezüge und Elemente, die in dieser Vignette anklingen (Auswahl, mit Überschneidungen):
  • Nicht wertende, interessierte Grundhaltung (Personenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach C. Rogers)
  • Raumgebende, nondirektive Gesprächsführung (u. a. Psychoanalyse und Rogers)
  • Traumasensible offene Fragetechniken (Tracking, z. B. aus Hakomi)
  • Prozesslenkung ohne Druck, Mitgehen mit dem Erleben (u. a. Hakomi)
  • Transparent gemachte Hypothesen („Könnte es sein, dass…?“) (systemische Arbeitsweise)
  • Begleitete Regression als Möglichkeit (tiefenpsychologische / körperpsychotherapeutische Traditionen)
  • Selbstexploration, Spüren, Achtsamkeit, Atembeobachtung/-lenkung (Kernelemente körperorientierter Arbeit)
  • Arbeit mit inneren Bildern / Symbolen (hypnotherapeutisch inspirierte Elemente)
  • Arbeit mit inneren Anteilen / „Innerer Familie“ (z. B. IFS-inspirierte Perspektiven)
  • Körperdialoge, Focusing-Elemente
  • Unbedingte Beachtung von Autonomie, Grenzen, Bedürfnissen (traumasensibles Arbeiten)
  • Ressourcenorientierung: Problem – Ressource – Idee – Anwendung (lösungsorientierte Ansätze)
  • Pacing/Tempo/Sprachniveau an Belastbarkeit und Verarbeitungskapazität angepasst (therapeutische Basics)
  • Abschluss mit einem guten, integrierbaren Schritt („stabiler Schluss“) (u. a. körperpsychotherapeutische Traditionen)
In dieser etwa 60-minütigen Sitzungsszene kommen also viele Fäden zusammen, obwohl der Fokus auf Körperarbeit liegt. (Natürlich gibt es zwischen den Ansätzen gemeinsame Schnittmengen.)

Sie möchten dieses Vorgehen erlernen?
Dann sind Sie herzlich zur Teilnahme an der traumasensiblen und prozessorientierten Fortbildung in Körperpsychotherapie eingeladen.
Veränderung? Nachhaltig? Gar nicht so einfach!
VERÄNDERUNG? NACHHALTIG? GAR NICHT SO EINFACH!
Ich will anders werden, etwas anders machen, anders denken oder fühlen ...
Rote Raupe mit weißen Punkten kriecht auf Lärchenzweig
"Von diesem Wunsch, den unzählige Menschen haben, lebt eine ganze "Wunscherfüllungsindustrie", sei es im Beratungs-, Coaching- und Psychotherapiebereich. Natürlich kommt noch die ganze "Versprechensindustrie" hinzu, seien es Fashion, Kosmetik, Ernährung, Statussymbole, nicht zuletzt die Ästhetische Chirurgie  und so weiter.
Sie alle bedienen innere Unzufriedenheiten, innere Nöte, innere Defizite und wecken große Hoffnungen auf Glück und persönliche Aufwertung - wieder und wieder, weil:
So einfach ist es dann doch nicht!

Veränderungswünsche - Backgroundcheck
Sehr viele größere  Veränderungswünsche wollen das Selbstwertgefühl heben, das wiederum sehr oft eng mit der sozialen Anerkennung zusammenhängt.
​
Beharrliche Kräfte, auch Komfortzone genannt
Leider oder zum Glück, je nach Sichtweise, ist ein einmal eingerichtetes "Ich-System" erstaunlich stabil und widerstandsfähig.
Selbst wenn nach zäher Arbeit an sich selbst oder im heroischen Hauruck-Verfahren eine Veränderung erreicht wird, kann sich diese schleichend wieder zurück verwandeln (10 kg abgenommen und zwei Jahre später 12 kg zugenommen), kurzerhand abgebrochen werden (Seit 8 Monaten Nichtraucher*in! Haha, und ab morgen wieder Raucher*in!), oder die Unzufriedenheit sucht sich einen neuen Spielplatz (Ich bin endlich einE dünneR Nichtraucher*in, hurra! Blöd nur, dass mein Blutdruck immer mehr nach oben klettert).

Wilhelm Busch fasste das so zusammen:
"Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge"
​

Innere Haltungen werden fleißig eingeübt: "Positiv, gelassen, achtsam, geduldig etc. etc.", bis der eigene seelische Schatten, in den wir alles hineingedrückt haben, was nicht zum Engelsimage passt, bis hinter den Horizont reicht (die Folgen sind unabsehbar, weil ganz individuell) und wir jedes Gefühl für uns selbst verloren haben.

Jeder Wunsch, etwas wirklich Einschneidendes zu verändern, wird entweder ziemlich easy umgesetzt, weil es zu einem passt. Und dann bleibt es auch anders, ohne größere Anstrengungen. Dann war es dran und dann war es richtig.
​Und es war höchstwahrscheinlich ein "Hin-zu-Bewegung" und intrinsisch motiviert, also ein Veränderungswunsch, der aus dem eigenen Innenleben entstand.
​
Oder die Veränderung wird schwierig. In dem Fall, so die traurige Realität, ist das Ringen eine "Weg-von-Bewegung". Da gibt es etwas, das beharrlich ist und sich verweigert. Je größer die Anstrengung, desto mehr wächst der Widerstand. Oder dieser "innere Bilanzheini" sorgt mit seinen Tricks dafür, dass wir uns trotz gelungener Veränderung kein Stück glücklicher fühlen.

Die Überlebenswächter
Manchmal können frühe psychische Traumatisierungen eine Ursache des Verharrungsvermögens sein, denn um sie herum haben sich alle jene Strukturen gebildet, die das reine Überleben sichern.
Traumatisierungen können ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und Folgerichtigkeiten folgen, die mit der Realität: "Aber die Gefahr ist doch längst vorbei!" nicht unbedingt deckungsgleich sind.
Eine weitere Ursache ist das Grundbedürfnis nach Kontinuität:
Wir wollen uns auch morgen und übermorgen als die Person wiedererkennen, die uns bestens vertraut ist.
Deshalb  wirken sogar positive plötzliche große Veränderungen verstörend und destabilisierend, wovon viele Lottogewinner*innen und überraschend Beerbte ein Lied singen können.
Auch plötzliche tolle psychische Veränderungen können in vielen Fällen nicht dauerhaft gehalten werden, siehe die "Erleuchtungsindustrie". Sonst wäre geschätzt mindestens ein Drittel der Bevölkerung ja schon endgültig erlöst und glücklich bis ans Lebensende.

Die drei Game-Changer
Abgesehen von sich verändernden äußeren Umständen, die uns eine zuweilen auch kraftzehrende Anpassungs- und Veränderungsleistung abfordern, gibt es für wirklich wichtige und /oder große Veränderungen, die sich dann auch dauerhaft etablieren, drei gute Möglichkeiten, naja, eigentlich nur eine besonders gute, denn die zweite ist durchaus hinterfragungswürdig und die dritte ist nicht angenehm, eröffnet aber immerhin Möglichkeiten:

1. Möglichkeit: Ganz leicht und von selbst
Ich entdecke meinen Wunsch nach Veränderung und finde zügig Möglichkeiten, ihn mir zu erfüllen.
Oder ich kann zumindest einen guten Plan dafür machen und ihn ohne große Anstrengungen Schritt für Schritt umsetzen.
Oder während ich den Wunsch nach Veränderung bemerke, passiert sie schon.
Oder die Veränderung passiert, und kurz danach bemerke ich, dass ich genau das wollte und nun viel besser dran bin.
"Es" geht wie von "selbst".
Also ist alles, was sich so im Bewusstsein und im Unbewussten (dem "Es") tummelt, was in Summe mich "selbst" ausmacht, einverstanden und zieht gerne mit.
Ideal!

2. Möglichkeit: Faszinierend!
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Fascia" meint ein Bündel, Band oder eine Verbindung. Wenn uns also eine Idee, für deren Umsetzung wir uns erheblich ändern müssten, regelrecht anspringt und nicht mehr los lässt, dann sind wir fasziniert. Oftmals sind wir gleichzeitig auch euphorisiert, so dass die Veränderung sehr zügig und manchmal in großen Sprüngen vorwärts geht:
Wer fasziniert vom Tauchen ist, wird den Tauchschein recht schnell in der Tasche haben und eröffnet sich den Zugang zu neuen Welten.
Ob eine Veränderung, die auf diese Weise zustande kam, dauerhaft und insgesamt positiv ist, kann nur der weitere Verlauf zeigen.
Über das psychologische Instrument Faszination kann auch hervorragend manipuliert werden, wovon alle Menschen, die im großen Stil mittels windiger Geldanlagen um ganze Vermögen gebracht wurden, ein Lied singen können.
"Faszination" wird von vielen, die etwas zu verkaufen haben, gezielt eingesetzt, um innere Bedenken des Gegenübers zu übertönen: Das Geschäft  mit der Hoffnung.

Orangefarbener Schmetterling sitzt auf Blume
3. Möglichkeit: Leidensdruck
Er stellt den nicht so schönen, aber häufigen Wirkfaktor für große und dauerhafte Veränderungen dar:
​Einfach, weil es nicht mehr anders geht!
Wenn jemand eine bestimmte Art des Umgangs in der Partnerschaft von Kindheit an vorgelebt bekommen und verinnerlicht hat, braucht er/sie vielleicht mehrere sehr unschöne Abbrüche eigener Partnerschaften, bis er/sie überhaupt die Möglichkeit hat, sich dieses verinnerlichten Modells bewusst zu werden, es auf den Prüfstand zu stellen und nachzubessern.​
​Erst wenn die Kosten des bisherigen So-Seins deutlich den Nutzen und die Freuden der Komfortzone überwiegen und die Leidensbereitschaft an ihre Grenzen kommt (die übrigens bei nicht wenigen Menschen erstaunlich hoch ist!), lassen sich die Persönlichkeitsstrukturen bewegen und dauerhaft verändern.

Daraus lässt sich ableiten:
Leidensdruck kann als Freund angesehen und genutzt werden.
Manchmal muss dieser Freund allerdings an Brisanz zulegen, bis er sich in eine Krise verwandelt.
Und selbst dann noch sind die Beharrungskräfte der Ich-Struktur manchmal so stark, dass die Krise sich bis zur Katastrophe steigern muss, um eine grundlegende Veränderung zu bewirken.
Das kann ein Anzeichen für starke Ambivalenzen von entgegengesetzten Aspekten innerhalb der Persönlichkeit sein, die um Dominanz und Recht bekommen gegeneinander kämpfen.

Sieht sich jemand am Arbeitsplatz chronisch unterfordert und würde sich gern verändern, um bei anspruchsvolleren Aufgaben zeigen zu können, was er/sie kann, könnten ängstliche Beharrungskräfte verhindern, dass er/sie sich wirklich weg bewirbt.
Das, was umgangssprachlich oft als Boreout bezeichnet wird, kann sich bis in eine ähnliche Dramatik steigern wie ein Burnout, und wenn das nicht als Motivationshilfe reicht, kann noch die Katastrophe des dauerhaften Verlustes des Arbeitsplatzes folgen.

Hilfreiche Geister
Die folgenden Faktoren, die eine gezielte Veränderung unterstützen, können bewusst eingesetzt werden:

KnowHow
Manches muss beim Alten bleiben, weil die Ausrüstung für die reale Umsetzung des Neuen fehlt.
Wer beispielsweise immer vor den Eltern kuschen musste, braucht vielleicht erst eine Idee, dass er/sie sich nicht alles vom Chef gefallen lassen muss, dann die Kenntnisvermittlung einiger innerer Haltungen, Gesprächstechniken, Strategien, Tools und Skills und anschließend das Training im Rollenspiel, um dann das neu gewonnene Selbstverständnis als "Mensch auf Augenhöhe mit dem/der Boss*in" im Real Life zu erproben.
Geht doch!

Demut
Nur weil ein Persönlichkeitsanteil fasziniert ist oder leidet und sofortige Veränderung wünscht, heißt das nicht, dass sich die sonstige Innenbevölkerung nun gleich einhellig einverstanden erklärt. Gefragt ist hier die Entwicklung einer Instanz, die wir innere Führungskraft nennen können. Auch Bürgermeister*in oder Dirigent*in oder der/die gute König*in wären passende Metaphern.
Der kooperative Führungsstil strebt für alle wichtigen und essentiellen Entscheidungssituationen einen Konsens an, mit dem tatsächlich alle "inneren Bürger*innen" leben können.
Der angestrengte Einsatz von Willenskraft kann ein Zeichen für eine autoritäre innere Führung sein, die sich über die Wünsche und Bedürfnisse anderer Bevölkerungsanteile hinwegsetzt. Auch wenn es bestimmte Situationen gibt, in denen kurzfristig klar entschieden und geführt werden muss, wird sich die so gezüchtete innere Opposition früher oder später unbequem bemerkbar machen.

Schon Oscar Wilde merkte dazu an:
"Ambition is the last refuge of the failure"

Spielen
Veränderungswünsche, die in anstrengende Kämpfe mit den sogenannten Inneren Schweinehunden münden, werden als erschöpfend, zäh und ausgesprochen unlustig erlebt.
Die gute Nachricht: Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet kann fast jede Situation, auch ein steckengebliebener Veränderungsprozess, zwischendurch auch mal als unterhaltsames Mitmach-Kabarett genossen werden.
​Das kann ganz leicht getestet werden:
Eine sehr lustige, bissige Kabarettsendung anschauen und direkt anschließend die Nachrichten => Lacherfolg ziemlich wahrscheinlich!
​
Unsere angestrengten und ängstlichen inneren Kinderabteilungen warten sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, die Anspannung in erlösendes Gelächter abfließen zu lassen, um dann spielerisch und gut gelaunt auf ganz tolle neue Ideen für Veränderungen und ihre machbaren und dauerhaften Umsetzungen zu kommen.
Lachen inspiriert!

Für mich - für Dich - für Euch - für uns!
Wenn sich die Motivation für größere und dauerhafte Veränderungen nicht nur auf sich selbst bezieht, sondern nahestehende Menschen, die einem wichtig sind, sich ebenfalls darüber freuen würden, dann hilft die Ebene von Beziehung und Verbindung, genügend Kraft und Lust für die Veränderung aufzubringen und sie auch beizubehalten.
Hat zum Beispiel eine Frau sehr negative Erfahrungen mit ihrer Mutter verinnerlicht und lehnt dieses Mutter-Modell dementsprechend ab (gleichgesetzt: ein Mann mit seinem Vater), wird sie vielleicht erst durch eigene Kinder die Kraft aufbringen, sich diesem Thema zu stellen und eine ganz eigene Definition für "Mutter sein" zu erarbeiten, die dann auch umgesetzt werden kann:
​Für Dich, mein Kind!

Fazit
Damit größere Veränderungen gelingen und auch dauerhaft bleiben können, lohnt der selbstehrliche Blick in die Inneneinreichtung und - ausrüstung und dann ein überlegtes Vorgehen, Schritt für Schritt, damit alle "da drinnen" den Weg gern mitgehen!

Die subtile Gewalt der Sprache
Sprache als subtile Gewaltausübung und Ignoranz-Erzeugung

Gewaltausübung mit Sprache, Mann in Neongrün spricht und stößt dunkle Wolken aus
Wir werden von Sprache stark beeinflusst:
Wir können uns selbst in eine schlechte Verfassung denken und umgekehrt mit den richtig formulierten Gedanken wieder in Wohlbefinden bringen.
Wir beeinflussen einander mit Sprache und werden nicht nur von den lieben Mitmenschen, sondern auch von Medien, Werbebotschaften, Büchern und so weiter stark beeinflusst.
Doch nicht nur das, was gesagt wird und wie, sondern auch das, was nicht gesagt wird, beeinflusst uns, wenn zum Beispiel ein Teil eines Ablaufes weggelassen wird und dadurch ein falscher Eindruck entsteht.
Etwas feingestrickter funktioniert es noch besser, wenn die Gewichtung von Fakten und Faktoren durch Sprache so dargestellt wird, dass beim Empfänger genau die Meinung gebildet und die Reaktion erzeugt wird, die der Absender anzielt, der sich gleichzeitig noch durch faktentreue Darstellung legalisiert und schwer hinterfragbar und angreifbar macht.
Eine vierte Art der Beeinflussung besteht aus unausgesprochenen Implikationen und subliminalen Botschaften: Wenn ich behaupte, etwas sei gut, hebe ich es heraus und werte alles Vergleichbare ab.

Ein Beispiel dafür ist das Loben: „Das hast Du gut gemacht!“ (ohne Begründung, ohne Transparenz.)
Meist ohne es zumindest bewusst zu wollen, sagt der Absender damit gleichzeitig im Subtext:
Ich bin hier der Richter, ich habe das Recht, Dich zu werten.
Damit ist implizit verknüpft, dass dieses Recht zur Aufwertung UND zur Abwertung benutzt werden kann.
Das hinterlässt beim Empfänger verschiedene unterschwellige Empfindungen: Er findet sich im Rang unter dem des Absenders wieder, der über ihn urteilen darf. Er freut sich an dem Lob, sein Körper erlebt jedoch auch Stress, denn damit verbunden ist die Drohung: Ich hätte Dich mit meinem Urteil auch zerschmettern können!
Lob wird dementsprechend zu Recht unterschwellig als Manipulationsversuch erkannt.
Sprache ist also einer der Fäden, an denen wir so tanzen, wie es der Puppenspieler will.
Wer eigenständiges und freies Denken und Fühlen anstrebt, kommt nicht umhin, mit der Sprache, der er ausgesetzt ist und die er selbst stumm im Denken wie auch laut im Reden und Schreiben verwendet, aufmerksam und sorgfältig umzugehen.

Missbrauch ist ein gefährliches Wort
Besonders perfide wirkt sich der Missbrauch von Sprache bei der Beschreibung von Verbrechen an den schützenswertesten Mitgliedern unserer Gesellschaft aus: Den Kindern und Benachteiligten.
Wie gerade formuliert, kann Sprache missbraucht werden und wird es leider auch sehr verbreitet.
Ebenso können Macht und Mittel missbraucht werden. Einfluss ebenso wie guter Wille und gute Absicht, Naivität, Vertrauen und ein guter Ruf. Auch die Medien und die Politik können missbraucht werden.
Fällt Ihnen etwas auf? Es sind alles abstrakte „Zielobjekte“.
Von der Benutzung des Begriffes „sexueller Missbrauch“ habe ich mich schon vor längerer Zeit distanziert, als mir klar wurde, dass damit fast unmerklich gleichzeitig vermittelt wird, dass der “Gebrauch“, in diesem Fall also der sexuelle Gebrauch von Menschen, auch Kindern, anscheinend völlig in Ordnung ist, da es ja auch die böse Variante „Miss-“ gibt.
Durch diese Etikettierung wird dem Tatbestand die Wucht genommen und in Verharmlosungswatte gehüllt. Das, was da passiert, fährt unter diesem verzerrten Etikett einfach nicht als Schrecken durch alle Glieder, sondern bleibt stecken irgendwo zwischen kopfiger Zurkenntnisnahme, leiser Betroffenheit und Schulterzucken.
Um diese Taten zu beschreiben, eignen sich meiner Ansicht nach diese Begriffe besser, die ohne Euphemisierung, also versteckter Verharmlosung auskommen:
Sexuelle Gewalt.
Destruktive Übergriffe.
Zerstörung der Integrität und der Persönlichkeit.​

Opfer sind edel?
Einen weiteren Begriff in diesem Zusammenhang habe ich näher betrachtet, als ich bemerkte, dass auch die Kombination von „sexuellem Missbrauch“ mit „Opfer“ eine merkwürdig stumpfe Reaktion in mir bewirkt.
In der Kulturgeschichte der Menschheit hat das Opfern, soweit wir wissen, eine Jahrtausende alte Tradition. Durch das Opfern wurden und werden höhere Mächte besänftigt, sprich: bestochen und bezahlt, um sie gnädig und wohlwollend zu stimmen. Das, was geopfert wurde, musste einen schmerzhaften Verzicht darstellen, sonst war es wirkungslos. Und alle, die diesen Verzicht leisteten, also die, die opferten, wurden als edle Wohltäter des betreffenden Kollektives angesehen; sie bekamen einen erhöhten Status und Stellenwert.
Ebenfalls bekamen die (Menschen-)Opfer posthume Anerkennung und Dankbarkeit für den Dienst, den sie für die Gemeinschaft leisteten, indem sie sich aufopferten, unabhängig davon, ob sie es freiwillig taten oder gezwungen worden waren..
Verwandt mit dem Wort Opfer sind Begriffe wie: Offenbarung, Offerieren, Operieren.*
„Opfer“ ist also ein Wort, das die Perspektive des Täters, bzw. dessen, der opfert beschreibt:
Er gibt etwas hin, bietet es höheren Mächten zur Vernichtung dar.
Und es beschreibt die Perspektive der Gemeinschaft, die sich durch das Opfer für eine Zeitlang von dem Zorn der Götter freikauft.
Das ist der Nimbus**, der das Wort „Opfer“ auch heute noch, wieder einmal subliminal, also unterschwellig, umweht.

Im Fall von Gewaltausübung, auch sexueller, opfern Täter den „höheren Mächten“. Diese höheren Mächte bestehen aus ihren unerträglichen seelischen, gewaltvollen und sexuellen Spannungen und als nicht steuerbar, also als übermächtig erlebten Impulsen.
Damit verdeutlicht sich eine Nachbarschaft zur Dynamik von Substanz- und Verhaltensabhängigkeiten, die ja ebenso schwierig zu behandeln sind.

Was opfern Täter?
Zunächst einmal opfern sie ihre Fähigkeit zu Mitgefühl und Empathie mit anderen Lebewesen, insbesondere von Schutzbefohlenen oder Schwächeren.
Damit opfern sie auch ihre Zugehörigkeit zum gemeinschaftlichen Konsens der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit – sie werden zu „Unmenschen“.
Sie opfern meist das zwanghaft immer wieder, was in ihnen selbst zerstört wurde: Verletzlichkeit, Zartheit, tiefe und feine Empfindungen, pulsierendes, atmendes, fühlendes und gesund-strahlendes Leben.
Denn die Götter sind anspruchsvoll und geben sich nur mit dem Wertvollsten zufrieden.

So bekommt der Begriff „Opfer“ einen kaum merklichen Beigeschmack des Edlen, da es ja „für eine gute Sache“ ist. Was so klar nicht gedacht und erkannt wird, sondern eher daran zu erkennen ist, wie mit „Opfern“ umgegangen wird.
In der Rechtsprechung galt noch bis 2021: Beim Grundtatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern lag das Mindestmaß unter einem Jahr, und er fiel damit strafrechtlich in die Kategorie Vergehen (ebenso wie Ladendiebstahl!).

"Beute" statt "Opfer"
Aus der Sicht derer, die geopfert werden, dürfte der Begriff „Beute“ wohl treffender sein und weit angebrachtere Reaktionen der damit konfrontierten Menschen hervorrufen, nämlich spontanes Mitgefühl, Beschützerdrang und Handlungsimpulse, die auch durchgeführt werden.

Wir vergleichen:
„Missbrauchsopfer“      <===>     „Kinder, die zur zerstörten Beute von Tätern wurden“

Merken Sie den Unterschied in Ihrer Reaktion?

* Wikipedia: "Das Nomen Opfer ist eine Rückbildung aus dem Verb opfern. Dieses bereits im Althochdeutschen belegte Verb (opfarōn) wird auf das lateinische Verb operari („ausführen“, „verrichten“) oder zu lateinisch offerre („darbringen“, „schenken“) zurückgeführt, in der Bedeutung „der Gottheit dienen“, „Almosen geben“.
Einfluss auf die Bedeutung hat ...  auch das lateinische offerre („darbieten“) ausgeübt."

** Wikipedia: Gustave Le Bon definierte „Nimbus“  ... als „eine Art Zauber, den eine Persönlichkeit, ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt“, dadurch „alle unsere kritischen Fähigkeiten“ lähme und „unsere Seelen mit Staunen und Ehrfurcht“ erfülle (aus: „Psychologie der Massen“).
Kinder schützen vor sexuellen und gewaltvollen Übergriffen!
Das sind die Alarmanzeichen
Kinderschutz; kleines Mädchen sitzt zwischen den Eltern und hält sich die Augen zu.Bild


Die Häufung von Anzeichen
Es gibt leider nicht DAS Erkennungsmerkmal, ob ein Kind sexuellen oder gewaltvollen Übergriffen ausgesetzt war oder ist.

​Allerdings gibt es Anzeichen, und wenn sie sich häufen, dann könnte es wichtig und vielleicht sogar lebenswichtig für das betreffende Kind sein, dass Sie es fürsorglich, aber unaufdringlich im Auge behalten und die Anzeichen möglichst objektiv darauf prüfen:
  • treten sie einmalig, selten oder häufig auf?
  • wie entwickelt sich das Verhalten des Kindes insgesamt?
Es kann sein, dass Sie eine wichtige Person sind, die dem Kind helfen kann.
Denn es ist ein schwieriger Spagat:
  • Einerseits bedeutet eine ungerechtfertigte Verdächtigung von Bezugspersonen und damit möglichen Täter*innen – vor allem, wenn der Verdacht öffentlich oder offiziell geäußert wird – womöglich eine langjährige und schwerwiegende Stigmatisierung der Betreffenden, worunter letztendlich auch wieder das betreffende Kind zu leiden hat.

Warum wird weggeschaut?
Andererseits zeigen uns die Skandale der jüngsten Zeit, dass viel zu viel weggeschaut wird – aus vielerlei Gründen:
  • Meistens fehlt einfach das Wissen um wichtige Anzeichen.
  • „Man“ ist höflich im naiven Sinne und lässt sich von der gutbürgerlich gepflegten Fassade irreführen.
  • „Man“ ist zu beschäftigt, um sich um die „Angelegenheiten anderer Leute“ zu kümmern.
  • Hilflosigkeit ist ein Grund für Untätigkeit und „Ausblenden“ des manchmal Offensichtlichen, weil viele Menschen nicht wissen, was sie mit ihrem Verdacht machen sollen.
  • Oft spielt auch Angst eine Rolle, z.B. wenn der eigene Chef der Vater des betreffenden Kindes ist oder andere Abhängigkeiten bestehen.

​Täter*innen: Rollen und Funktionen
Täter*innen gibt es mit unterschiedlichen Funktionen, die auch kombiniert auftreten können:
  • Aktiv, durch Gewaltanwendung, Manipulation oder Verabreichung von Drogen
  • Wegschauer*innen, Dulder*innen und Ignorant*innen im Umfeld des Kindes
  • Unterstützer*innen: Drogenlieferantinnen, Filmerinnen, Fahrerinnen, IT-Spezialist*innen, Kontaktvermittler*innen und andere – was eben so zu einem funktionierenden Netzwerk gehören kann
  • Konsument*innen von Internet-Darstellungen
  • Zuliefererinnen/Verkäufer*innen von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern (und in schweren Fällen auch der Kinder selbst)

Potentielle Täter*innengruppen
  • Eltern(teile)
  • Großeltern und sonstige enge Verwandte (Onkel, ältere Geschwister etc.)
  • Stiefeltern, Pflegeeltern, Adoptiveltern und deren Verwandtschaft
  • Betreuer*innen (Lehrer*innen, Erzieher*innen, Geistliche, Gruppenleiter*innen, Trainer*innen etc.), also Autoritätspersonen im Umfeld
  • „Freund*innen des Hauses“
  • „Der böse Onkel auf dem Spielplatz“
  • Unbekannte Entführer*innen (z.B. in extremen Konstellationen auch organisierte Kontexte)
  • Ältere Freund*innen, Gangs, Cliquen

Mögliche Hinweise darauf, dass ein Kind Gewalt oder sexuelle Übergriffe erlebt haben könnte
Wichtig: Einzelne Punkte sind für sich genommen kein Beweis. Aussagekräftiger wird es, wenn mehrere Anzeichen zusammenkommen, sich wiederholen und/oder insgesamt „nicht stimmig“ wirken.
Körperliche Verletzungen
Relativ unverdächtig (wenn sie in einem für ein lebhaftes Kind normalen Maß auftreten)
  • Schürfwunden und blaue Flecken an Knien und Schienbeinen, Handflächen
  • Kopfwunden und blaue Flecken innerhalb der „Hutkrempenzone“ bei Kleinkindern, die noch nicht sicher gehen, laufen oder klettern können
  • Kinder im Alter von ca. 3 bis 5 Jahren, die miteinander „Doktorspiele“ machen und die eigenen Genitalien sowie die des Gegengeschlechtes spielerisch und unbefangen erkunden

Abklärungsbedürftig (insbesondere bei Wiederholung/Unplausibilität)
  • Verletzungen aller Art, wiederkehrend
  • mögliches Schütteltrauma (medizinischer Notfall, kann lebensgefährlich sein)
    Mögliche Anzeichen können sein:
    • Schreckhaftigkeit
    • Trinkschwäche (bei Babys)
    • Schläfrigkeit
    • verstärktes Unwohlsein und Unruhe
    • Apathie
    • Krampfanfälle
    • Erbrechen
    • Herzrhythmusstörungen
    • Atemstörungen
  • Kopfwunden bzw. blaue Flecke außerhalb der „Hutkrempenzone“ bei Kleinkindern

Stark abklärungsbedürftig (besonders bei fehlender plausibler Erklärung)
  • runde oder halbrunde Brandverletzungen (z.B. Zigaretten, Herdplatten)
  • Verletzungen/blaue Flecken am Hals und am Rumpf (der meist von Kleidung bedeckt ist)

Auffälligkeiten im Verhalten und Körpersymptome
Mögliche Hinweise auf Gewaltanwendung gegen das Kind
Das Kind …
  • richtet Aggressionen auf andere, vorzugsweise auf kleinere Kinder oder Tiere
    (Hinweis: Einzelne Verhaltensweisen sind nicht spezifisch; bei mehreren stark auffälligen Mustern kann es wichtig sein, fachlich hinzuschauen.)
  • wird öfters mit angeblichen Unfallfolgen bei Kinderärzt*innen oder in der Klinik vorgestellt, oder Auffälligkeiten fallen außerhäuslichen Kontaktpersonen wie Erzieher*innen, Kinderärzt*innen oder Lehrer*innen auf
  • wirkt unterwürfig, schreckhaft, duckt sich (was Altersgenoss*innen ihrerseits zum Mobben oder Prügeln provozieren kann)
  • wirkt unempfindlich gegen Schmerzen, reagiert nicht adäquat

Mögliche Hinweise auf sexuelle Übergriffe
  • wiederkehrende Blasenentzündungen bei Mädchen
  • Verletzungen oder Entzündungen im Genital- und Analbereich (medizinisch abklärungsbedürftig; Ursachen können unterschiedlich sein)
    (Hinweis: In manchen Fällen sind solche Befunde nach außen kaum sichtbar oder werden verdeckt.)

  • häufige Halsschmerzen / -infektionen (können viele Ursachen haben; bei zusätzlichen Warnsignalen als Differentialhypothese mitdenken)
  • Wasch- und Duschzwang und andere Zwänge
  • zeigt im Spiel, in Kontakten und in der Sprache auffälliges sexualisiertes Verhalten
  • zieht gern viel an, sogar bei „Matsch und Dreck“
  • macht sich „hässlicher“, verbirgt sein Geschlecht, zieht sehr weite Sachen an

Mögliche Hinweise auf beides (Gewalt und/oder sexuelle Übergriffe)
  • Einnässen
  • Einkoten oder Kot einhalten
  • fehlt oft in der Öffentlichkeit (Kindergarten, Schule, Kinder-Events, Kinderärzt*innen)
  • verstummt oder fängt an zu stottern oder zu stammeln, wenn es persönliche Dinge gefragt wird
  • Schlafstörungen
  • nervös, schreckhaft und ängstlich
  • zieht sich zurück und verschließt sich
    oder im Gegenteil: auffällig agitiertes und unangemessenes Verhalten
  • hat Angst, mit bestimmten Personen allein zu sein (versucht u.U. sehr unauffällig, das zu vermeiden)
  • emotionale Achterbahnfahrten, unausgeglichen
  • sieht „schlecht“ aus (blass oder fahl, übermüdet, elend, kümmert körperlich, körperliche Grazie und Anmut fehlen, tollpatschig, läuft gegen Türen und Möbel)
  • verletzt sich mit Absicht
  • hat öfters größere Unfälle
  • driftet in eine magische Welt ab
  • spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, bis hin zu Suizid(versuchen), die auch ohne verbale Ankündigung vorkommen können
  • extreme Anhänglichkeit zu Betreuer*innen oder im Gegenteil Angst vor Kontakten
  • will nicht heimgehen
  • Essstörungen
  • will oder darf sich zum Turnen und/oder Schwimmen oder im Sommer nicht entkleiden oder keine kurzärmeligen/kurzbeinigen Kleidungsstücke tragen
  • relativ plötzliche auffällige Verhaltensänderungen, z.B. schulische Verschlechterung oder Verbesserung (als kompensatorische Leistungshaltung, auch zur ablenkenden Fokussierung)

Von Kindern gemalte Bilder – Achtung!

Die Deutung von Kinderzeichnungen kann sehr kurzgriffig sein und ist sehr von der Grundannahme derdes Deuterin oder derdes Bringerin (besorgte Mutter, Lehrer*in o.ä.) der Zeichnung abhängig (Gefahr des beliebigen Hineindeutens!). Auch wenn das Kind selbst dazu befragt wird, kann es – gerade wenn es ein Opfer ist – von Erwachsenen durch die Art der Fragestellung in eine vermutete Richtung gelenkt werden.

Hilfreiche Verhaltensmöglichkeiten für Sie

Soweit das Kind schon gut verbal beschreiben kann, können Sie sich interessiert verschiedene Tage schildern lassen:
  • Alltag
  • Sonntag
  • Ferien
  • besondere Abläufe (z.B. „wenn die Mami abends zu ihrem Kurs geht“ etc.)
Damit bekommen Sie einen Eindruck von den Signalen, die das Kind sendet, wenn es Abläufe schildert, die „o.k.“ sind (keine besondere Ladung haben) und solchen, die zeigen, dass das Kind beim Schildern unter Spannung gerät.
Auch wiederkehrende Lücken sind wichtig (zwischen Zubettgehen und Einschlafen, Schulweg o.ä.).
Ähnlich können Sie auch im Gespräch mit Eltern oder anderen Bezugspersonen vorgehen, im Tonfall eines normalen, interessierten Alltagsgesprächs.

Bei einem Verdacht, der sich für Sie deutlich verdichtet

Sammeln Sie zunächst alle Anzeichen, die Ihren Verdacht begründen, und fertigen Sie daraus eine gut lesbare und nachvollziehbare Unterlage an.
Dazu gehört auch eine Art Tagebuch:
  • was genau Sie wann und bei welchem Anlass beim Kind beobachtet haben
  • inwiefern das von der „normalen“ Verfassung dieses Kindes oder von Kindern allgemein abweicht
  • was Sie ggf. wann an Interaktionen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen beobachtet haben (oder bei den Bezugspersonen allein)
Diese Unterlage prüfen Sie zunächst selbst möglichst objektiv auf Stichhaltigkeit.
Sie können sich auch mit vertrauten Personen darüber austauschen und deren Eindruck einholen – fairerweise aber, ohne die verdächtigen Personen näher zu benennen. Denn wenn Ihre Vertrauensperson wiederum anderen von dem Verdacht erzählt, kann es schnell zu einer Vendetta gegen womöglich unschuldige Personen kommen.
Nur Sie tragen die Verantwortung – auch wenn Ihre Vertrauensperson Stillschweigen gelobt hat und doch plaudert!
Werden Sie bei der Überprüfung unsicher, dann setzen Sie sich eine Frist für weitere Beobachtungen, die Sie Ihren Aufzeichnungen hinzufügen.
Bleibt Ihr Verdacht durch das Lesen und eventuelle Besprechung bestehen oder erhärtet sich sogar, dann entscheiden Sie, ob Sie offen oder anonym tätig werden.
Anonymität kann wichtig für Sie sein, wenn Sie sich in einer abhängigen Position zu den vermutlichen Täter*innen befinden – wozu auch eine enge Nachbarschaft oder eine leichte Auffindbarkeit Ihrer Person (Internet? Lehrkraft? etc.) zählen kann.

Es gilt: Besser eine anonyme als gar keine Aktivität!

Wenn Sie weiterhin den Eindruck haben, dass ein Kind gefährdet ist, können Sie Hinweise und Ihre Beobachtungen an geeignete Stellen geben (z.B. Jugendamt/Kinderschutzstrukturen). In akuten Gefahrensituationen ist es wichtig, dass schnell gehandelt wird (z.B. über die Polizei/Notruf). Ob und wie Maßnahmen erfolgen, wird dort jeweils geprüft; je konkreter und nachvollziehbarer Ihre Angaben sind, desto hilfreicher sind sie.
Ich hoffe nun, dass Sie sich eingeladen fühlen, die Kinder in Ihrem Umfeld ein wenig im Auge zu behalten und dass ich Ihnen sowohl Wissen vermitteln als auch Sicherheit geben konnte, was Sie unternehmen können!

Wenn Sie therapeutisch arbeiten, dann lesen Sie bitte hier auch den nächsten Beitrag: Zur Arbeit mit erwachsenen Opfern und Täter*innen.

© Anne Lindenberg. Weitergabe des Textes genehmigt und erwünscht von der Autorin, ausschließlich nur mit Angabe der Quelle:
https://www.psycho-holistik.de/blog-psycho-kiste.html

​
Zur Arbeit mit Klienten, die Gewalt und Übergriffe in der Biografie haben
Einige Basis-Aspekte für die Praxis
​Hinweis zum Rahmen (wichtig): Dieser Beitrag ist als fachlich-praktischer Überblick gedacht – keine Diagnostik-Anleitung und keine Rechtsberatung. Begriffe/Modelle können je nach Schule/Leitlinie unterschiedlich verwendet werden. Bei akuter Gefährdung gelten Sicherheits- und Krisenstandards (z.B. lokale Krisendienste/Notruf)
​INHALTE
  • Informationen aus dem Internet
  • Anzeichen bei erwachsenen Klient*innen für erlebte, aber verdrängte bzw. abgespaltene Gewalteinwirkung
  • Psychodynamik
  • Therapeutische Perspektiven
  • Psycho-Hygiene für Therapeut*innen
  • Persönlichkeitsdeformierungen als Folge von erlittener Gewalt und Übergriffen
  • „Leben ist Leiden“
  • Rechtliche Lage für Therapeut*innen (grundsätzlich, einzelfallabhängig)
  • Therapie mit Täter*innen

1. Informationen aus dem Internet
Manchmal suchen Klient*innen (oder Angehörige) im Netz nach Begriffen und Erklärungen. Für eine erste Orientierung können Suchbegriffe helfen – wichtig bleibt, dass Internettexte keine Diagnostik ersetzen.
  • „kinder missbrauch erkennen“ (Suchwörter für die Google-Suche)
  • „Symptome von Missbrauch“
  • „Ratgeber für Mütter“
  • historische/ältere Online-Selbsthilfe-Formate (Hinweis: Qualität sehr unterschiedlich; Inhalte kritisch prüfen)

2. Anzeichen bei erwachsenen Klient*innen …
… für erlebte, aber verdrängte bzw. abgespaltene Gewalteinwirkung
(emotionale oder körperliche Vernachlässigung; Übergriffe – sexuell, emotional; Misshandlungen; ggf. ritualisierte/sektenbezogene Kontexte etc.)
Wichtiger Zusatz: Keiner der folgenden Punkte ist für sich genommen ein „Beweis“. Viele Anzeichen sind unspezifisch und können auch andere Ursachen haben. Aussagekräftig wird es erst in Gesamtbild, Beziehung, Verlauf, Anamnese, Kontext und Diagnostik.
Mögliche Hinweise können sein:
  • lückenhafte Erinnerungen an die Kindheit bis hin zu weitgehender Amnesie
  • emotionale Unverbundenheit beim Erzählen über Kindheitsthemen
  • Glorifizierung der Eltern bzw. der Kindheit oder komplette Abwertung
  • starke Angst-Anzeichen bei der Beschäftigung mit der Kindheit
  • Angst- und Panikattacken
  • Traumahypothese-nahe Muster bis hin zu ausgeprägten Traumafolgen:
    • z.B. Borderline-Muster, histrionische Muster, dissoziative Symptomatik
    • historisch wurde „Multiple Persönlichkeit (MPS)“ verwendet; heute wird meist von Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) gesprochen
    • in schweren Fällen können auch psychotische Symptome oder andere schwere Störungsbilder mitbetroffen sein
  • riskante/selbstschädigende Coping-Strategien:
    • z.B. Prostitution/Überlebensstrategien, Gewaltimpulse (nach innen oder außen), kriminelles Umfeld, eigene Täterschaft oder Duldung von Täterschaft
    • ausgeprägtes Suchtverhalten (Substanz- oder Verhaltenssüchte)
  • starke Angst/Abwehr gegen den Gedanken an eigene Kinder
  • starkes bis fixiertes Engagement für Kinderschutzthemen (bis hin zu „Täterjagd“-Dynamiken)
Merksatz: Diese Muster müssen nicht, können aber in manchen Fällen Endpunkte schwerer Gewalt- und Übergriffserfahrungen sein.

3. Psychodynamik
Gewalt kann sich transgenerational fortsetzen – nicht als „Genetik-Schicksal“, sondern weil unverarbeitete Impulse, Bindungs- und Stressregulationsmuster über Beziehung, Erziehung und Milieu weiterwirken können.
Häufig eingesetzte psychodynamische Abwehrmuster können sein:
  • Dissoziation
  • Übertragung
  • Projektion
  • Identifikation
Das kindliche Opfer erlebt bestimmte Impuls- und Beziehungsmuster „am eigenen Leib“ – und lernt sie als besonders prägende (manchmal scheinbar einzige) Umgangsweise. Später kann das u.a. in zwei Richtungen kippen:
  • a) nach außen (wenn es „auf Sendung“ geht): Reinszenierung, Kontrolle, Grenzverletzung, Täter*innen-Anteile
  • b) nach innen (wenn es „im Opfermodus“ bleibt und nur „auf Empfang“ geht): Passivität, Selbstabwertung, Selbstschädigung, Bindung an Täter*innen/Äquivalente
Tragisch und zugleich therapeutisch wichtig:
  • Es können extrem starke Glaubenssätze entstehen („wie das Leben ist“).
  • Aus der frühen Erwartung heraus, (auch emotional) versorgt zu werden, kann sich unbewusst die Verwechslung bilden: Das Erlebte wird als „Liebe“ oder „Versorgung“ etikettiert – besonders, wenn Täter*innen aus dem engen Umfeld stammen.
Daraus können u.a. entstehen:
  • Loyalität mit Täter*innen (auch mit passiv-duldenden Bezugspersonen)
  • spätere Suche nach ähnlichen Beziehungsmustern
  • Weitergabe an die nächste Generation (über Muster, nicht „Magie“)

4. Therapeutische Perspektiven
Ein therapeutisches Ziel kann sein: Das Selbstbild als „Opfer“ zu entschärfen und zu erweitern – ohne das Geschehene kleinzureden.
Mögliche Entwicklungsrichtungen:
  • Selbstverantwortung (ohne Schuldumkehr)
  • Eigenmacht, Selbstbestimmung, Selbsteinsicht
  • Täter*innen-Anteile in sich erkennen und integrieren („Schattenarbeit“ – je nach Schule)
  • ressourcenorientierte Trauma-Arbeit
  • viel Geduld, viel Struktur, viel Sicherheit
Leugnung ⇄ paranoide Kalibrierung
Viele Therapeut*innen bewegen sich (zumindest innerlich) auf dieser Achse:
  • Zu wenig sehen → Bagatellisierung
  • Zu viel sehen → Überinterpretation
In der Praxis spielt oft hinein:
  • eigene Betroffenheit/Abspaltung/Integration
  • Über-Ich-Strukturen (Angst, etwas falsch zu machen, etwas zu übersehen, über-/unterzubewerten)
  • Informationsquellen (Wissen der/des Therapeut*in plus Narrativ/Material der/des Klient*in)
Und ja: Das Thema berührt stark emotional. Dazu kommt, dass Klient*innen ihre intensive Ladung oft unwillkürlich „mit in den Raum“ geben. Das ist menschlich – und braucht Rahmen.

5. Psycho-Hygiene für Therapeut*innen
Im Interesse von Selbstschutz und beruflicher Kompetenz ist es zentral, zu unterscheiden: Wie weit öffne ich mich – und wie sichere ich mich?
Mögliche Anzeichen einer Sekundärtraumatisierung/Überlastung (je nach Kontext):
  • Widerstand gegen die Arbeit bzw. die Sitzungen mit dieser/diesem Klient*in
  • Übelkeit (auch Brechreiz), Schwindel, Schwitzen
  • Denkblockade, Dissoziation, Lähmung während der Sitzung (Übererregung/„Vagus-Themen“)
  • Schonung der/des Klient*in, Harmonisierungsdrang, Umgehen schwieriger Themen
  • übertriebenes Pushen und Konfrontieren
  • subtile Maßnahmen, die zum Therapieabbruch führen
  • sich als Therapeut*in als Versager*in/inkompetent fühlen
  • Überforderungsgedanken und -zustände
  • Drang nach Macht/Kontrolle über die/den Klient*in
  • Körpersymptome zwischen Sitzungen (Richtung Burnout): Kopfschmerzen, Infektanfälligkeit, Herzrhythmusstörungen, chronische Müdigkeit, Weinkrämpfe, Unfälle
Praxismotto: Je intensiver die Thematik, desto mehr braucht es inneren Abstand, Überblick, Supervision, Pausen, Grenzen.

​6. Persönlichkeitsdeformierungen als Folge von erlittener Gewalt und Übergriffen
Häufig findet sich (nicht immer, aber oft) eine chronische Stressaktivierung: Bedrohungszyklen werden nicht zu Ende reguliert; echte entspannte „Spielzeit“ kommt kaum vor.
  • Wenn starke Aktivierung dominiert: Hypervigilanz, Schlafstörungen, „immer aufpassen“

  • Wenn Aktivierung langfristig gedämpft/abgekoppelt wird: depressive Einfärbung, „Abkoppeln“, Absencen/Abspaltungen
Das gefühlte Leiden kann dadurch sehr hoch sein, was bei manchen Betroffenen das Risiko für Substanz- oder Verhaltenssüchte erhöht:
  • Esssucht (inkl. Binge Eating), Magersucht, Bulimie
  • Internet-/Chatsucht
  • Alkohol und Drogen
  • Sexsucht
  • teils auch Anerkennungssucht/Workaholismus
  • bei manchen: Gewaltanwendung (nach außen) – ohne dass das automatisch „so sein muss“
Bei einmaliger / wenigen Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen (mögliche Muster)
  • Bruch des Vertrauens in schützende Bezugspersonen / Welt / Leben
  • erhöhte Schreckhaftigkeit, Schüchternheit, Triggerpunkte
  • Schlafprobleme, Albträume, ggf. nächtliche Panik
Bei jahrelanger Gewalterfahrung (mögliche Muster)
  • innerer „Vertrag“: nie Täter*in werden → Verzicht auf Wehrtrieb → Fixierung in Opferrolle / passive Autoaggression („Mit mir kann man’s ja machen“)
  • oder: selbst zum/zur Täter*in werden → Impulskontrollthemen als Muster
  • herabgesetzter Selbstwert / Selbstvertrauen
  • chronische Hypervigilanz: Schlafstörungen, ständiges Scannen, „immer mit dem Schlimmsten rechnen“
  • Taktieren statt souverän agieren
Häufig beschriebene Persönlichkeitsmuster (als Arbeitsbegriffe, nicht als Schnell-Diagnosen):
  • dependent, vermeidend, selbstunsicher, zwanghaft, narzisstisch, borderline-nah
  • dissoziative Symptomatik (inkl. DIS in schweren Fällen)
  • dissoziale Muster

7. „Leben ist Leiden“
Das Lebensgrundgefühl ist bei vielen Betroffenen qualvoll, geprägt von Spannungen. Oft kann zunächst nicht reflektiert werden, dass Leben auch anders sein kann.
Das kann zu einer generalisierten oder punktuellen Dysfunktionalität führen:
  • Beruf
  • Elternschaft
  • Privatleben
Viele bleiben hinter ihren Fähigkeiten zurück und/oder dulden unwürdige Zustände. Oder sie kompensieren hervorragend – bis Lebensmitte oder ein Live-Event die Kompensation kollabieren lässt.

8. Rechtliche Lage für Therapeut*innen (grundsätzlich – einzelfallabhängig)
Hinweis: Das Folgende ist ein Orientierungsrahmen, keine Rechtsberatung. Schweigepflichten und Befugnisse hängen u.a. von Berufsstatus, Setting, Einwilligungen, konkreter Gefährdungslage und Dokumentation ab.

​8.1 Schweigepflicht als Grundprinzip
Therapeut*innen/Geheimnisträger*innen können strafrechtlich an § 203 StGB gebunden sein (Verletzung von Privatgeheimnissen).

8.2 Keine allgemeine „Pflicht, jede Straftat anzuzeigen“
Für Privatpersonen gibt es keine allgemeine Pflicht, jede Straftat zur Anzeige zu bringen.
Strafrechtlich relevant kann das Unterlassen einer Anzeige konkret geplanter schwerer Straftaten nur in den engen Grenzen von § 138 StGB sein (Katalogtaten, Verhinderbarkeit, Zeitpunkt etc.).

8.3 Kinderschutz: Beratung und Informationsweitergabe kann möglich sein (KKG)
Bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung eröffnet § 4 KKG für bestimmte Geheimnisträger*innen einen Rahmen für Beratung und – unter Voraussetzungen – Übermittlung erforderlicher Informationen an die Jugendhilfe (Grundsatz der Datenminimierung / ggf. Pseudonymisierung).

8.4 Praxisorientierte Leitplanken (ohne „Automatik“)
  • Erst prüfen: Wie belastbar sind Hinweise? Welche Alternativerklärungen gibt es?
  • Sicherheit zuerst: Bei akuter Gefahr braucht es Krisenlogik (ggf. Notruf/Polizei – abhängig vom Setting und der Gefährdung).
  • Beratung nutzen: In Kinderschutzfällen ist fachliche Beratung (z.B. insoweit erfahrene Fachkraft/Jugendhilfeberatung) oft ein sinnvoller Zwischenschritt.
  • Dokumentation: sachlich, zeitnah, mit Kontext (Beobachtungen vs. Aussagen trennen).
  • Transparenz: Ob und wie man Klient*innen über Schritte informiert, ist eine Einzelfallentscheidung (Schutz, Wirksamkeit, Selbstschutz, Gefährdungsdynamik).

​8.5 Haltung
Kinderschutz ist zentral. Gleichzeitig braucht professionelle Praxis:
  • Klarheit ohne Aktionismus
  • Schutz ohne Vorverurteilung
  • Mut zur Verantwortung und Respekt vor rechtlichen Grenzen
Selbstschutz: Therapeut*innen dürfen ihre Privatsphäre sichern (z.B. ausschließlich Praxisadresse/Telefon öffentlich).
Achtung (fachlich-praktisch, nicht strafprozessual gemeint)
Nach konfrontierenden Gesprächen kann ein „Ich höre auf“ glaubhaft wirken – oder auch nicht. In vielen Konstellationen braucht es für nachhaltige Verhaltensänderung:
  • klare Bedingungen
  • externe Kontrolle/Strukturen
  • konsequente Schutzmaßnahmen für potenzielle Opfer

9. Therapie mit Täter*innen

9.1 Täter*innen erkennen – realistische Grenzen
Wenn Sie mit Klient*innen an „deren Themen“ arbeiten, ist es häufig nicht möglich, sicher zu wissen, ob (auch) Täterschaft vorliegt – sofern sie nicht offen benannt wird. Viele, die Hilfe suchen, steuern Themen bewusst oder unbewusst so, dass der Kern geschützt bleibt.
Mögliche Hinweise im Prozess können sein:
  • ein dauerhaft vages Gefühl, „da fehlt Wesentliches“
  • abrupter Therapieabbruch, sobald das Thema Nähe gewinnt
  • starke Kontrolle über das Narrativ (ohne dass das automatisch Täterschaft bedeutet)

9.2 Voraussetzungen für Therapie bei offener Täterschaft (Rahmen)
Wenn Täterschaft offen ist, braucht es oft:
  • parallel oder vorgeschaltet ein Programm/Setting zur Impulskontrolle bzw. deliktorientierten Arbeit
  • klare Vereinbarungen zu Sicherheit, Grenzen, Rückfallprävention
  • – sofern rechtlich/ethisch möglich – strukturierte Kooperation mit geeigneten Stellen (nach Einwilligung/Entbindung)

9.3 Körpersprache / Kongruenz – vorsichtig und professionell
Ja: Bei Gewalt-/Missbrauchsdynamiken sind Lügen, Leugnen, Verharmlosen häufige Muster. Trotzdem gilt:
Körpersignale sind keine Beweise. Sie können Hinweise geben – oder in Stress, Scham, Angst, Autismus-Spektrum, Trauma u.v.m. begründet sein.
Achten kann man auf mögliche Inkongruenzen, z.B. wenn:
  • bei einer Beteuerung der Kopf eine „Nein“-Bewegung macht
  • an inhaltlich unpassenden Stellen gelächelt/gelacht wird
  • beim Schildern eigener schlimmer Kindheitserfahrungen ein scharf-beobachtender kurzer Blick kommt
  • „ich komme so gern“ gesagt wird, während der Körper sich deutlich Richtung Tür bewegen will
Praxismotto: Nutzen Sie Ihre Intuition als Signal – aber übersetzen Sie sie in strukturierte Abklärung, klare Grenzen, Supervision.
Zusammenfassung
Die therapeutische Arbeit mit Opfern und Täter*innen ist eine der größten Herausforderungen im Feld.

Was dabei trägt:
  • fundiertes Wissen und Erfahrung
  • gründliche Selbstkenntnis
  • belastungsfähige Psycho-Hygiene und Selbstfürsorge
  • regelmäßige Supervision
  • menschliche Reife – und die Fähigkeit, in hoch emotionalen Themen klar, freundlich und standfest zu bleiben
Zu Hinweisen darauf, wie Sie auf Kinder in Ihrem Umfeld achten können und das auch Ihren Klienten weitergeben können, gibt es den Beitrag hier direkt über diesem.
Erste Hilfe in psychischen Krisensituationen
Erste Hilfe in Krisensituationen
Über die Medien bekommen wir vielfach den Eindruck vermittelt, alles würde immer schlimmer.
Deshalb habe ich mir überlegt:
Was könntest Du in einer belastenden Zeit brauchen, was könnte Dir nützen? Ich habe drei Tipps für Dich zusammengestellt:
Kleine Übungen, die Du ohne Aufwand und fast nebenbei durchführen kannst und die sich oft kurzfristig angenehm auswirken können.
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Tipp Nr. 1:
Kurze Stressreduktion mit der Übung „Dreimal tief Durchatmen mit Wirbelsäulenbetonung“
Tipp Nr. 2:
Freundliche Kommunikation mit Dir selbst
Tipp Nr. 3:
Freundliche Kommunikation mit anderen

Tipp Nr. 1:
Kurze Stressreduktion mit der Übung „Dreimal tief Durchatmen mit Wirbelsäulenbetonung“
Unsere Psyche und unser Nervensystem sind, wie mittlerweile gut belegt ist, aufs Engste miteinander verzahnt und wirken wechselseitig aufeinander ein.
Wir bekommen jeden Tag haufenweise Infos herein, die durchaus auch widersprüchlich sind oder sich schnell ändern, so dass wir nicht genau wissen können, was als nächstes kommt. Unser Organismus reagiert darauf oft wie auf eine Bedrohung und mobilisiert Abwehr- und Alarmreaktionen.
Doch vieles bleibt unklar – und das kann verunsichern.
  • Ist die Belastung nah?
  • Wie wahrscheinlich ist eine Zuspitzung?
  • Aus welcher Richtung könnten Herausforderungen kommen?
  • Wie genau ist eigentlich die Lage? Was kann passieren, was passiert wirklich?
  • Und was genau müssten wir tun, um gut damit umzugehen?
Eine anhaltende Unklarheit kann Stressreaktionen verstärken. Wir merken das an steigender Angst bis zur Panik, die die meisten Menschen relativ erfolgreich aus ihrem Bewusstsein fernhalten können.
Was bleibt, ist eine gefühlte Verunsicherung, so als ob der Boden nicht ganz fest ist, auf dem man steht. Und auch eine erhöhte Verwirrbarkeit, so dass man also schneller als sonst durcheinanderkommt oder relativ vergesslich ist.
Dagegen können wir etwas tun:
Am besten zu jeder vollen Stunde (das kann man sich gut merken) richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine Atmung. Atme dreimal tief durch.
Stell Dir vor, dass Du die Luft beim Einatmen durch Deine Wirbelsäule bis zu Deinem Steißbein (wenn Du grad sitzt) oder bis zu Deinen Fußsohlen (wenn Du stehst) lenkst.
Wenn Du sitzt, hebst Du beim Einatmen die Füße ganz leicht an, so dass Du Deine Sitzfläche deutlicher spürst.
Wenn Du stehst, gehe beim Einatmen ganz leicht in die Knie, damit Du den Boden unter Deinen Füßen besser merkst.
Beim Ausatmen lässt Du den Körper wieder locker.
Dieses „Dreimal tief durchatmen mit Wirbelsäulenbetonung“ ist für Deinen Organismus, als wenn eine Alarmsirene verstummt und er zumindest vorübergehend seinen Stresspegel etwas senken kann.
Ich empfehle die Übung seit vielen Jahren besonders vor stressigen Situationen (Personalgespräch, Konfliktsituation u. ä.), und viele erleben sie als hilfreich.
In belastenden Zeiten wäre meine Empfehlung, diese kleine Übung einige Tage lang zu jeder vollen „wachen“ Stunde durchzuführen.
Dadurch kann der Stresspegel soweit sinken, dass sich das Grundgefühl von Bodenhaftung, Orientiertheit und Zuversichtlichkeit wieder einstellen kann.


Tipp Nr. 2: Freundliche Kommunikation mit Dir selbst
Wenn Du zurzeit mehr Leerlauf hast als sonst, kannst Du das als Gelegenheit nutzen, freundliche Selbst-Kommunikation zu üben.
Auch das kann, wenn Du es eine Zeitlang regelmäßig durchführst, zu mehr innerer Ruhe, Freudefähigkeit, Zuversicht und dem Gefühl von innerer Geborgenheit führen.
Hintergrund: Unwillkürlich und meist unreflektiert behandeln wir uns selbst exakt so, wie wir als Kinder behandelt wurden. Wir verinnerlichten Tonfall, Formulierungen und die versteckten Botschaften, denen wir ausgesetzt waren. Und da wir es damals nicht anders kannten, mussten wir mit uns selbst genauso weiter umgehen, wie wir es kannten.
Damit bewirken wir, dass wir uns womöglich lebenslang innerhalb der Gefühlsskala bewegen, die wir als Kinder kannten. Im Fall einer nicht glücklichen Kindheit ist das nicht unbedingt erstrebenswert.
Und so geht’s:
Wenn Du Dich in einer aktuellen Situation nicht wohl fühlst, dann suche in der Rückschau den Moment, an dem Du das erstmals bemerkt hast. Dieser kann nur Minuten, aber auch Stunden zurück liegen. Atme etwas tiefer als sonst, aber ganz sanft (als ob Dein Atem den kleinen Kopf eins Babys streichelt, das direkt unter Deinem Zwerchfell liegt), und bitte Deine Erinnerung, in Dein Bewusstsein zu bringen, was Du kurz vor diesem Moment innerlich und äußerlich erlebt hast.
Wahrscheinlich gab es
eine bestimmte innere oder äußere Situation
Deine spontane Reaktion darauf und
einen Gedanken, der diese Reaktion zensiert und vielleicht unterdrückt hat.
Ein (zeitgemäßes) Beispiel:
Situation: Du hast einen Hustenanfall.
Spontane Reaktion: Du bekommst Angst, dass Du krank sein könntest.
Gedanke: „Ach was, das kann gar nicht sein. Jetzt stell Dich mal nicht so an.“
Der kurzfristige Vorteil ist, dass Du die Angst nicht mehr spürst und „ganz vernünftig“ bist.
Der langfristige Nachteil ist, dass sich dadurch Deine innere Anspannung erhöhen kann, weil Du die Angst nur wegdrückst. Was dazu führt, dass bei der nächsten Gelegenheit mehr Angst auftaucht, die wiederum stärker unterdrückt werden muss. Und so weiter.
​Wenn Du diese Eskalation unterbrechen möchtest, dann ist es am wichtigsten, dass Du diesen inneren, automatisch ablaufenden Vorgang überhaupt bemerkst.
Du brauchst den Moment, an dem Deine Angst (oder sonstige spontane Reaktion) spürbar und der unterdrückende Gedanke innerlich hörbar war.
An diesem Punkt kannst Du bewusst einschreiten und Dir die beiden als zwei Konfliktgegner vorstellen, zwischen denen Du vermittelst.
Denn Deine spontane Reaktion (in diesem Fall die Angst als warnende Instanz) ist genauso wertvoll wie der bremsende Gedanke, (in diesem Fall ein Verbot, die Angst weiterhin zu spüren, um nicht in kopflose Panik zu verfallen).
Beide brauchen Dein Bewusstsein, aus dem heraus Du ihnen freundlich ihre gute Absicht, ihre gute Arbeit und ihren Wert bestätigst. Das geht wieder am besten mit dem sanften Atmen, mit dem Du Dich zwei- bis dreimal abwechselnd jedem Anteil zuwendest und einen freundlichen, wertschätzenden Satz schickst.
Der ganze Vorgang braucht nicht länger als ein bis zwei Minuten und kann jederzeit durchgeführt werden.
Für den Anfang kannst Du Dir vornehmen, einmal täglich so eine innere Dynamik bei Dir wahrzunehmen und wie beschrieben damit umzugehen.
Du kannst natürlich jederzeit mehr davon üben, denn Du wirst recht schnell die positiven Wirkungen wie eingangs beschrieben bemerken:
Mehr innere Ruhe, Freudefähigkeit, Zuversicht und das Gefühl von innerer Geborgenheit.

​
Tipp Nr. 3: Freundliche Kommunikation mit anderen
Ich empfehle Dir, diesen Tipp erst auszuprobieren, wenn Du ein wenig Erfahrung mit Tipp Nr. 1 und Nr. 2 hast.
Denn dann bist Du in einer ausgeglicheneren Verfassung und kannst besser Geduld mit anderen aufbringen, als wenn Du selbst „geladen“ bist.
Denn die Freundliche Kommunikation mit anderen erfordert, dass Du zunächst mal in Vorleistung gehst und für die/den andere/n da bist. Das ist schon eine große Herausforderung und geht nur, wenn Du eine gewisse innere Ruhe hast und Dich durch Dich selbst gut versorgt fühlst.
Wenn Du also zurzeit mit anderen, zum Beispiel Familienmitgliedern, auf engem Raum auskommen musst, kannst Du mit der Freundlichen Kommunikation dafür sorgen, dass Ihr alle Euch entspannter und wohler miteinander fühlt. Freundliche Kommunikation ist ein großes Geschenk, das Ihr Euch gegenseitig machen könnt!
Auf diese Weise kann eine besondere Lage sogar zu einer Chance werden, die Verbindung miteinander toleranter und erfreulicher als in normalen Zeiten zu gestalten, und zwar vielleicht (je nachdem, wie ausgiebig Ihr übt) auch nachhaltig!
Wir verwenden das Prinzip aus Tipp Nr. 2, dass nämlich allem, was jemand sagt und wie sie/er sich verhält, eine im Grunde gute Absicht zugrunde liegt: Die Erfüllung eines Bedürfnisses.
Allerdings ist die Art, wie versucht wird, sich das Bedürfnis zu erfüllen, oft genau zielverhindernd, meist, weil diese Person(en) eine hohe Dringlichkeit und dadurch einen hohen Stresspegel hat/haben.

Die Freundliche Kommunikation können wir in folgende Schritte unterteilen:

1. Schritt: Geduldig zuhören
Lass den oder die andere/n aussprechen und höre aufmerksam zu. Atme währenddessen bewusst sanft und etwas tiefer als sonst.

2. Schritt: Wiedersagen
Wenn Dein Gegenüber im Sprechtempo langsamer wird oder auch mal eine kleine Pause einlegt, kannst Du eine Vermutung äußern: „Ich glaube, … dies und das … ist Dir das Wichtigste.“ Vielleicht widerspricht Dein Gegenüber und spricht weiter. Das macht nichts, denn es kommt nicht so sehr darauf an, wie schnell Du einen „Volltreffer“ landest, sondern darauf, dass der/die andere merkt, dass Du Dir Mühe gibst und dass er/sie Dir wichtig ist.
Im passenden Moment versuchst Du es also wieder. Du willst ein „Ja genau!“ erzielen.

3. Schritt: Das Bedürfnis klären
Wenn Dein Gegenüber sich von Dir verstanden fühlt, kannst Du ihn/sie ermuntern, weiterzusprechen, wenn Du etwa folgendes anbietest: „Und das ist Dir so wichtig, weil?“ Höre Dir das wieder in Ruhe an und fasse es für Dein Gegenüber zusammen, wiederum vielleicht in mehreren Anläufen, bis Du wieder ein „Ja, genau!“ bekommst.

4. Schritt: Die Verhandlung
Wenn Ihr beide nun wisst, um was es eigentlich geht und welches Bedürfnis grad so dringlich ist, könnt Ihr besprechen, was nun am besten zu tun ist.
Du kannst Dein Gegenüber um Vorschläge bitten und Dich dann in Ruhe fragen, ob das für Dich akzeptabel ist.
Wenn nicht, erklärst Du den Grund und machst Du einen Gegenvorschlag, vielleicht einen Kompromiss.
Darauf kann Dein Gegenüber das bestätigen oder wieder einen Gegenvorschlag machen.
Der Unterschied zu konflikthaften gegnerischen Gesprächen ist, dass Ihr nun gemeinsam und in Wohlwollen füreinander nach einer Lösung sucht, die für Euch beide gut annehmbar ist.

Variante von Tipp Nr. 3:
Wenn alle gleichzeitig reden / schreien: Das strukturierte Gruppengespräch
Auch dabei kann die Freundliche Kommunikation helfen. Du kannst die Rolle des Moderators / der Moderatorin übernehmen.
Die Nummernzettel sind ein kleiner Trick, um die Spannung bei aufgeregtem Durcheinanderreden etwas zu lockern.
Fertige kleine Nummernzettel an, damit sie für den Bedarfsfall bereit liegen.
Wenn die Situation eskaliert, dann verlose die Nummernzettel, so dass eine Reihenfolge entsteht, in der jede/r reden kann, für zwei Minuten und ohne unterbrochen zu werden.
Du nimmst die Zeit.
Wer als nächstes drankommt, versucht erst zu feedbacken, was wohl das Wichtigste war, das sein/ihr Vorredner ausdrücken wollte. Erst wenn ein „Ja, genau!“ kommt, darf die/der nächste sprechen.
Auf diese Weise werden alle gehört und verstanden, was alle ruhiger macht; nun kann gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.
Auf YouTube habe ich dazu auch ein Tutorial eingestellt: Das strukturierte Gespräch 
(Datenschutzhinweis zu YouTube unten unter (1))

Alle Anleitungen kannst Du natürlich, wenn Du das Prinzip erfahren hast, nach eigenem Bedarf variieren.

Nun hoffe ich, dass Du diese Tipps interessant und vielversprechend findest.
​

Du kannst sie gern weitergeben, mit diesem Copyright-Vermerk:
„Abdruck erlaubt mit freundlicher Genehmigung von der Autorin Anne Lindenberg, IN HOPE, www.psycho-holistik.de“
Small Talk: Der Nachweis für soziale Kompetenz?
SMALL TALK: DER NACHWEIS FÜR SOZIALE KOMPETENZ?
Business Menschen begrüßen sich, alle in schwarzen Anzügen und weißen HemdenSmall Talk: Notwendiges Übel oder Kommunikationskunst?










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In der Anwärmphase eines jeden Gesprächs werden unterschwellig wichtige nonverbale Daten ausgetauscht.
Wer bewusst damit umgeht, kann den Kontakt wunschgemäß steuern.


Mehr als Geplauder
Manchen ist er lästig, für andere die einzige Verständigungsform: Der Small Talk.
Genutzt wird er beim „Talk In“ als Anwärm-Instrument, als Party-Schmiermittel, zur Vermeidung brisanter Verläufe oder einfach als Geselligkeitstool.
Doch es steckt mehr hinter dem Startgeplauder, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.
Richten wir unseren Blick auf die Tierwelt, dorthin, wo Säugetiere gesellig in Gruppen leben.
Dort können wir beobachten, dass nicht nur Fremdlinge, die neu in eine Gemeinschaft kommen, jede Menge Beschwichtigungsgesten verwenden (müssen), um ihre nicht feindseligen Absichten zu verdeutlichen. Die sozialen Signalrituale gehen so weit, dass auch ein Gruppenmitglied, das nur kurz abwesend war, bei der Rückkehr betont freundliche Haltungen und Gesten zeigt. Es signalisiert damit: „Ich bin noch das Individuum, das Ihr kennt. In meiner Abwesenheit habe ich nichts erlebt, was meine Verfassung, meine Stimmung oder meine Absichten verändert hat. Bitte nehmt mich wieder in Eurem Kreis auf!“
 
Auf jedem beliebigen Bürgersteig und auf jeder Grünfläche können Sie entsprechende Beobachtungen machen: Dort begegnen und begrüßen sich Hunde. Und auch wenn man sich schon vor zehn Minuten traf, werden dieselben interessiert-freundlichen Begrüßungs-Gebärden vollzogen, als sei man wochenlang voneinander getrennt gewesen. Wenn Sie sich auf nette Art amüsieren wollen, dann vergleichen Sie die Verhaltensweisen mit den parallelen Begrüßungsritualen der Herrchen und Frauchen.
 
Jede Geste sendet eine Botschaft
Nun schnüffeln wir Menschen nicht mehr aneinander herum, um uns zu orientieren, in welcher Gesamtverfassung der andere ist. Nein, wir geben uns die Hand, oder, weniger förmlich, heben wir sie und winken damit oder zeigen, dass wir sie nicht frei haben, weil sie beispielsweise eine Hundeleine oder ein volles Glas hält – ob hier das Zuprosten seine Wurzeln hat?
Dabei handelt es sich natürlich um eine altehrwürdige Beschwichtigung, denn wir zeigen damit, dass wir keine Waffe mit uns führen, die wir womöglich gegen den anderen erheben könnten.
Zusätzlich wurden zu Zeiten der Ritter massive Humpen so aneinander gestoßen, dass Tropfen der Getränke in den anderen Humpen sprangen - der Versuch, Vergiftungsversuchen vorzubeugen.
Böse Zungen behaupten, der alte Brauch des gegenseitigen Umarmens als Begrüßung, praktiziert von Politikern und Mafia-Bossen, soll beiden ermöglichen, sich gegenseitig nach Waffen abzutasten.
Auch die so selbstverständliche Formel: „Wie geht es Ihnen?“ ist nicht nur höflich gemeint.
 
Fremd gleich Stress
Jede Begegnung verursacht zunächst einmal Stress, denn wir gehen instinktiv in einen Alarm-Zustand: Wie ist der andere gestimmt? Ist er krank, kann er mich anstecken? Hat er versteckte Absichten? Ist er gut versorgt oder kommt er womöglich als Räuber oder als Eroberer? Ist er in streitlustiger Stimmung und sucht einen brauchbaren Blitzableiter? Ist er in Not und braucht Hilfe?
 
Diese Vorgänge werden vom Limbischen System (Sitz der Gefühlsverwaltung, auch „Säugerhirn“ genannt) und vom Stammhirn (Sitz unserer Reflexe und Überlebensinstinkte, „Reptilienhirn“) gesteuert, mit dem berühmten Lack der Zivilisation übertüncht und vom Neokortex mit rationalen Erklärungen bestückt.
 
Während wir also in einer Anwärmphase munter miteinander plaudern, sind die Organismen aller Teilnehmer dieser Runde schwer beschäftigt: Sie geben kontinuierlich Signale der Harmlosigkeit und guten Laune, während sie aufmerksam die Körpersprache der anderen aufnehmen und decodieren.
 
Das ganze Ritual dient einem bestimmten Zweck: Es soll den Stress, die Alarmstimmung der Erstbegegnung abmildern, so dass entspanntes Zusammensein oder konstruktive Zusammenarbeit möglich werden.
Beides ist erschwert bis unmöglich, solange der Prozess der Orientierung über die Befindlichkeit der anderen Personen und die damit einhergehende Entstressung nicht stattgefunden hat.
Wird der Small Talk übersprungen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit später (womöglich mitten in der Arbeit am Projekt) Manöver gestaltet, die den oder die anderen aus der Reserve locken sollen, um die Orientierungslücken auf diese Weise noch zu schließen. Unzufriedenheit, Provokationen, Sticheleien, Boykott, Opponieren holen auf schlechte Weise nach, was zu Beginn auf angenehme Art hätte etabliert werden können.
 
Wie kommen wir miteinander aus?
Natürlich geht der Sinn von Small Talk noch wesentlich weiter:
Er ermöglicht, den oder die anderen Anwesenden auf ihren gewohnten Rang abzuklopfen, damit die eigene Position bestimmt werden kann, und natürlich, diese Stellung auch seiner/ihrerseits nonverbal zu kommunizieren.
Er dient dazu, die Kompetenzen und Connections, die Vorlieben und Empfindlichkeiten der anderen abzutasten und gleichzeitig diese Aspekte selbst darzustellen. Hier werden also die Weichen für die folgende Gruppendynamik gestellt, oder, in der Zweierbegegnung, der Verlauf des folgenden Gespräches.
Interessant ist auch, dass die Begrüßungsrituale weniger förmlich sind, wenn ein Treffen auf neutralem Boden stattfindet, auf dem alle gleichberechtigt sind, also zum Beispiel in öffentlichen Räumen, sei es in einem Lokal, einem Museum oder einem Supermarkt.
 
„Herzlich willkommen!“
Sobald jedoch ein Gastgeber im eigenen Revier empfängt, werden von allen Seiten bestimmte Small Talk-Regeln streng beachtet:
Der Gastgeber muss signalisieren, dass er weder „auf Geiseln aus ist“ noch seine „Burg verteidigen“ muss, seine starke Heimspiel-Position also nicht ausnutzen wird. Das gelingt, indem er beide Hände mit den Handflächen nach oben oder vorn ausstreckt, Hände schüttelt, mit Gesten ins Hausinnere einlädt, danach fragt, wie die Anreise war, sich um Mäntel und Schirme kümmert, durch die Räumlichkeiten führt und Getränke und Speisen als Geschenk anbietet.
Er stuft also seinen Rang betont herab, vom „Platzhirschen“ zum „Dienstboten“.
 
Die Gäste wiederum haben oft einen Beschwichtigungsgegenstand dabei, den sie überreichen: Das Mitbringsel. Blumen oder eine Flasche vom Besten zeigen: „Du brauchst Dein Revier gegen mich nicht zu verteidigen, schau, ich habe so reichlich, dass ich abgeben kann; Du kannst also sicher sein, dass ich Dich nicht berauben werde. Und Du brauchst mich auch nicht zu überwältigen, denn ich gebe Dir freiwillig etwas.“
 
Härtetest: Ohne Anlauf zum „Big Talk“
Bevor wir uns damit beschäftigen, wie nun Small Talk als Weichensteller möglichst zielführend gestaltet werden kann, sei noch erwähnt, dass natürlich auch das Überspringen des Small Talks bewusst genutzt wird:
Beispielsweise in Einstellungsgesprächen, im klassischen Assessment-Center oder auch in manchen Mitarbeitergesprächen. Hier werden unter anderem die Belastungsfähigkeit und Stresskapazität getestet, was einfacher und genauer geht, wenn vorher nicht beschwichtigt wird.
 
Verbindung schaffen: So gelingt es
Hier nun die Regeln des guten Small Talks:
Der Sinn besteht, wie wir schon wissen, darin, sich zu orientieren, sich gegenseitig kennenzulernen und Vertrauen zu fassen, sich zu entspannen und wohlzufühlen und Gleiches auch allen anderen zu ermöglichen. Wir vergewissern uns also, ob alle Anwesenden zu friedlicher Koexistenz bereit sind.
Dementsprechend sind Themen tabu, die entweder zu intim, zu belastend oder zu konfliktträchtig sind:
  • Religion
  • Politik
  • finanzielle Situation
  • persönliche Krankheiten und Probleme
  • Sexualität
  • Tratsch und Hetzen über Abwesende
  • Gerüchte
  • Fallweise auch Fußball und ähnliche „Fan-Themen“, wenn man nicht ganz genau weiß, dass alle Anwesenden Fans desselben Vereins oder Promis sind.
Gute Themen sind die, bei denen alle Anwesenden mitreden können:
Das Wetter, wenn auffällig. Die Anreise. Lustige kleine Begebenheiten aus der letzten Zeit, die wahrscheinlich auch andere interessieren. Angenehme kurze Schilderungen, aus welcher Situation man gerade kommt (wenn diese weniger schön war, bauen Sie ein Happy End ein, also beispielsweise: „Und kurz bevor ich starten wollte, kam noch ein wichtiger Anruf. Daher musste ich mich ziemlich beeilen, damit ich pünktlich sein konnte, aber zum Glück waren die Straßen frei.“). Der neueste Kinofilm und der letzte oder der geplante Urlaub.
Kennen sich die Anwesenden, kann gut mit Fragen Bezug auf frühere Themen genommen werden: Wie war die Hochzeit des Sohnes? Hat sich diese oder jene Hoffnung erfüllt?
Ein guter Talk In plätschert für etwa zehn Minuten zwanglos von Thema zu Thema, mit diversen kleinen Höhepunkten, wenn Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen gefunden werden.
 
Auch bei den Verhaltensweisen gibt es NoGos:
Selbstdarstellende, Besserwissende, Angebende, Ausquetschende, große Schweigende oder hintergründig Lächelnde setzen Vorbehalte, Aggressionen und Rachegelüste und steuern oft jetzt schon spätere Eskalationen an, bewusst oder unabsichtlich.
 
Wer meint, nicht viel beisteuern zu können, kann immer lächeln und nicken, ein wenig nachfragen, mit interessierten Gesten und Lauten reagieren und Übereinstimmung signalisieren. Denn jetzt geht es nicht um rigorose Wahrhaftigkeit, sondern um gute Stimmung. Andere mit in den Talk zu ziehen („Ist Ihnen das auch schon passiert?“ oder „Kennen Sie den Film? Ja? Wie fanden Sie ihn?“) zeugt von hoher sozialer Präsenz und bringt Pluspunkte in dieser Rangordnung.
 
Und zum Schluss der Talk Out
Nicht unterbewertet werden sollte auch der „Talk Out“, also das Verabschiedungsritual. Ob wir es wollen und wissen oder nicht, jede noch so kleine Trennung aktiviert, wiederum von den älteren Hirnregionen ausgehend, alle guten und traurigen Erfahrungen, die wir schon damit gemacht haben.
Es gibt gar nicht wenige Menschen, die grundsätzlich früher gehen, meist mit rationalen guten Gründen, und auf diese Weise das Abschiednehmen kurz halten oder möglichst ganz vermeiden.
Andere wieder brauchen noch viel Dialog an der Tür, bis sie gehen können.
 
Kommen wir nun zum Punkt
In Punkto Small Talk sehen sich Therapeuten, Coachs und Trainer einem Balance-Akt gegenüber:
Einerseits ebnen die Begrüßungsrituale samt Anfangsplauderei den Weg zueinander, man kalibriert sich aufeinander, geht in Resonanz miteinander. Andererseits trifft man sich ja letztendlich zu einer gemeinsamen Arbeit.
Daher kann sich glücklich schätzen, wer ein feinfühliges Händchen für Übergänge und Überleitungen hat.
 
Gerade in der Zweier-Sitzung sind die möglichen Effekte zu berücksichtigen:
Ist der Wechsel vom Small zum „Big“ Talk zu abrupt, fühlen sich Klient oder Coachee vielleicht überrumpelt oder unterschwellig gerügt für zu ausführliches Geplauder.
Wird der Übergang zu sanft und gleitend gestaltet und kommen gezielte Nachfragen auf das Ausgeplauder, bleibt bei unserem Gegenüber womöglich der Eindruck zurück, dass „alles Gesagte gegen ihn verwendet werden kann“ und er wird unnötig vorsichtig. Denn vielleicht hätte er dieses und jenes gar nicht erwähnt oder anders dargestellt, wenn er gewusst hätte, dass die eigentliche Arbeit schon begonnen hat.
 
Talk Out: Wieder verkehrsfähig werden
Nach einer Einzelsitzung kann das Talk Out gezielt genutzt werden, um den Klienten oder Coachee gezielt wieder in verkehrsfähigen Zustand zu versetzen:
 
Ein Kollege, der mit tiefen Trancezuständen arbeitet, hatte vor seiner Praxis einige Parkplätze, die mit Betonpollern begrenzt waren.
Mehrere Male kam es vor, dass die Außenfokussierung und damit auch die Koordinationsfähigkeit seiner Klienten nach der Sitzung noch nicht wieder genügend etabliert waren und sie beim Ausparken die Poller gestreift hatten.
Jede Arbeit, die die Aufmerksamkeit nach Innen lenkt, wie es in Therapie und Coaching üblich ist, braucht also einen Ausklang, damit wieder auf „Außen“ umgeschaltet werden kann.
Dafür eignen sich Schlussrituale, wie zum Beispiel Bezahlung und Terminvereinbarung am Ende der Sitzung und beim Mantel-Anziehen noch ein kleiner Talk Out.
 
Small Talk-Training
Wie kann nun der optimale Small Talk überprüft und gegebenenfalls trainiert werden?
Eine sehr gute Möglichkeit ist das Einholen von Außenwahrnehmungen, und zwar je detaillierter und begründeter, desto besser.
Optimal wäre eine kleine Übungsgruppe mit Menschen, die sowohl im Beobachten als auch im Feedbackgeben geübt sind.
Die Arbeitsvereinbarung sollte freundliche Ehrlichkeit bei den Feedbacks beinhalten. Dabei wird guter Wille auf allen Seiten vorausgesetzt. Und: Es geht nicht um objektive Wahrheiten, sondern um subjektive Wahrnehmungen.
Mit vier Teilnehmern kann das Zweiersetting ebenso geübt werden wie die Gruppenplauderei.
Dabei sollten immer ein bis zwei Teilnehmer reihum als Beobachter und Feedbackgeber fungieren.
Folgende Übungsszenarien sind denkbar, aber natürlich nach dem individuellen Bedarf der Teilnehmer zu variieren:
  • Einander fremde Teilnehmer eines Seminars stehen vor dem Seminarraum und warten auf Einlass.
  • Der Seminarleiter begrüßt sie.
  • Sie gehen miteinander Mittagessen.
  • Sie verabschieden sich nach dem Seminar.
  • Ein erstes Treffen; Klient oder Coachee und Therapeut oder Coach kennen einander noch nicht persönlich - Begrüßungsphase und Überleitung zur Arbeit.
  • Die Sitzung geht zu Ende – Überleitung zur Verabschiedung.
  • Sie treffen sich zur zweiten Sitzung, sonst wie oben. Unterschiede zum ersten Treffen?
 
Nach jeder Übung geben die Beobachter den Protagonisten und diese einander Feedback, mit besonderem Augenmerk auf die nonverbalen Körpersignale, wie Haltung, Gestik, Spiegeln, Tonfall und Lautstärke, Gestaltung des Blickkontaktes und wie die Gesamtheit der Signale auf den Stresspegel, die Stimmung, die Compliance, also das Arbeitsbündnis und auf den Sympathiegrad einwirken.
Dann können die Rollen gewechselt werden.
Wenn Sie sich drei- bis viermal treffen und einen Nachmittag lang die verschiedensten Szenarien miteinander üben, haben Sie viel gelernt und können Small Talk zielführend gestalten statt ihn nur über sich ergehen zu lassen.
 
Zum Weiterlesen:
Suchbegriff „Small Talk“ – überall, wo es Bücher gibt.
Bilder: Schatzkiste:  Evgeni Tcherkasski
Meer: johnallds, beide Pixabay

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Lageplan der neuen Praxisanschrift des IN HOPE im Heilpraktikerhaus Süd
Lageplan des IN HOPE im Heilpraktikerhaus Süd. ​Adresse und Lageplan verlinken auf Google-Maps (3). Dabei werden Daten (z. B. Ihre IP-Adresse) an Google übertragen. Wenn Sie das nicht möchten, klicken Sie nicht auf die Verlinkungen.
Soforthilfe bei seelischen Krisen ​und psychiatrischen Notfällen:
Krisendienst Psychiatrie, Täglich 0-24 Uhr: ☎ 0800/6553000
​* Psychotherapie (Heilerlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz, beschränkt auf Psychotherapie)
​Hinweis: Jede Entwicklung ist individuell; ein bestimmter Erfolg kann nicht zugesichert werden.​

(1) Alle Videos verlinken auf Youtube, Hinweise zum Datenschutz
(2) Online-Sitzungen via "Zoom“, Hinweise zum Datenschutz
(3) Verlinkt auf Google-Maps, Hinweise zum Datenschutz
  • Das Büro des IN HOPE wird mit Ökostrom der Münchner Stadtwerke betrieben.
  • Die Praxis-Angebote des IN HOPE stehen Ihnen zur Verfügung, wenn Sie Ihre Sitzungen selbst bezahlen. 
    Leider werden diese nur im Ausnahmefall von privaten Krankenkassen, Beamten- und Ersatzkassen erstattet.
  • Sollten Sie auf gleichlautende Texte auf anderen Websites stoßen, bitte ich um Ihre Mitteilung an mich - danke schön! 
  • Ich verwende manchmal das generische Maskulinum und spreche damit alle Menschen als gleichwertig an.
  • Alle Bildungsangebote und Trainings des IN HOPE, die online stattfinden, sind ausschließlich live (synchron), ohne Aufzeichnungen. Keine individuellen Lernerfolgskontrollen (kein individuelles Feedback außerhalb der Live-Termine). Nach gegenwärtige ZFU-Verwaltungspraxis (Stand: August 2025) sind präsenzäquivalente Live-Formate ohne asynchrone Bestandteile typischerweise nicht zulassungspflichtig; entscheidend ist die konkrete Ausgestaltung.
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